Veganismus

Mein Blog hat sich gewandelt, von seinem alten Titel "Ich bin dann mal Veg", bin ich mittlerweile "veg" und konzentriere mich hier nun mehr auf das Schreiben als auf das Essen.

Trotzdem sind mir die alten Artikel über meinen Wandel vom Allesfresser zur Veganerin ans Herz gewachsen und ich möchte sie nicht löschen. Darum füge ich sie hier ein. Zum Nachlesen. Und Nachdenken.

4. August 2012: Am Anfang stand nur Egoismus

Willkommen also zu meinem ersten Blogeintrag. Warum das alles? Um eine Möglichkeit zu haben, von meinen Erfahrungen zu erzählen und mich auszutauschen, ohne mich Menschen aufzudrängen, die das alles gar nicht hören wollen.

Worum es hier geht? Darum, was es bedeutet, wenn man plötzlich aufwacht und in der Mitte seines Lebens feststellt, dass man bislang mit verschlossenen Augen durch's Leben gegangen ist. Auch wenn es jetzt im ersten Blogeintrag noch nicht ganz deutlich sichtbar ist, handelt es sich um einen veganen Blog, der von meiner Umstellung auf die vegane Ernährung und Lebensweise erzählen wird. Probleme, Erlebnisse und Gedanken, die ich in diesem Zusammenhang habe, sollen hier festgehalten werden.

Aber von ganz von Anfang an:

Im Januar 2012 hatte ich noch einen Schrank voller Süßigkeiten, einen Kühlschrank voller Fleisch, Fisch, Milch und Eiprodukten und auf den Hüften und überall sonst massenhaft Kilos zu viel. Kilos, die ich mir im Laufe meiner mittlerweile 40 Lebensjahre angefuttert hatte. Zum Teil, weil der Wille schwach war, zum Teil, weil man keine Zeit oder Kraft hatte, sich wirklich damit zu befassen. Aber dieser Blog ist nicht dazu da, Entschuldigungen zu finden für diese Zeit. Darüber bin ich hinweg. What's done is done!

Anfang Februar überkam mich unbemerkt und vor allem ungeplant der innere Entschluss, etwas zu ändern. Zunächst nur zaghaft: Ich aß alle Süßigkeiten, die noch herumlagen auf und kaufte keine neuen mehr. Zunächst gab es jeden Abend noch einen Quarkriegel, denn von 0 auf 100 ging dann doch nicht... Noch bis Mai zog sich der abendliche Quarkriegel durch meinen Ernährungsplan, bis er letztlich nicht mehr schmeckte.

Als das Weglassen der Süßigkeiten sich vier Wochen lang gehalten hatte, addierte ich sportliche Betätigung hinzu und fing an, mit Wii Fit Plus zu trainieren. Okay, Training von richtigen Sportlern sieht anders aus, aber ich machte jeden Tag mindestens eine halbe Stunde und ich erlaubte mir selbst nicht zu schwänzen. Der einzige Grund, der zählte, war eine echte Migräne. Ansonsten jeden Tag Turnübungen vor der Fuchtelkonsole.

Ich begann außerdem damit, beim Essen mehr auf eine "healthy choice" zu achten, nahm Gemüse statt Fritten, leichtes Essen statt dicke Soßen mit viel fettigen Zutaten und trank Wassser statt Fanta. Bis jetzt hatte ich mich noch nicht "geoutet" und niemand wusste, dass ich versuchte, abzunehmen.

Langsam fing ich auch an, mich mit dem Thema Ernährung eingehender zu beschäftigen, zum ersten Mal in meinem Leben. Ich hatte schon immer meine vegetarische Freundin bewundert, dass sie das schaffte. Ich wollte eigentlich schon immer in der Lage sein, vegetarisch zu leben, aber hatte nie die Kraft, den inneren Schweinehund der Trägheit, Bequemlichkeit und Lust zu überwinden. Ich fühlte mich dadurch auch immer sehr scheinheilig, denn eigentlich liebe ich Tiere, egal, welches. Aber die nötigen Konsequenzen hatte ich nie daraus gezogen. Da ich ohnehin immer weiter in eine echte Ernährungsumstellung rutschte, entschied ich mich also Ende Februar dazu, von jetzt an Fleisch weg zu lassen.

Noch wollte ich aber weiterhin Fisch essen und tat das auch. Das Thema Ernährung ließ mich aber natürlich nicht los und wer viel Recherche in dieser Hinsicht betreibt, stößt unweigerlich auf den ethischen Aspekt dieses Themas.

Zunächst einmal lernte ich, dass ein Fisch genauso ein Tier ist wie jedes andere und vor allem, dass auch für Fische Massentierhaltung an der Tagesordnung ist. Bis dahin war ich noch der irrigen Meinung erlegen, dass Fische aus dem Meer kommen und zumindest ein Leben in Freiheit hatten. Ja, natürlich ist das blauäugig gewesen, aber das ist es doch, was fast alle Menschen tun: Die meisten verschließen die Augen und denken lieber nicht drüber nach, was sie essen und warum sie es essen. Fische wurden also auch gestrichen von meinem Speiseplan.

Viele Abende von Recherche im Internet folgten, ich stieg immer mehr in das Thema Tierschutz und Tierrechte ein. Nebenbei verlor ich auch mein ursprüngliches Ziel nicht aus den Augen: Gewichtsabnahme. Und es klappte, langsam aber stetig ging mein Gewicht runter. Mittlerweile war ich von der Wii umgestiegen auf eine Fit for Fun Step Aerobic DVD. Jeden Tag 35 Minuten Training, außer Freitags. Am Wochenende machte ich bei dem Bewegungsspiel "Step to the Beat" Wii-Training.

Während all das im Hinblick auf meine Figur passierte, sah ich Mitte Juni den schockierenden Tierrechts-Dokumentarfilm "Earthlings". Während des ganzen Films habe ich wie ein Schlosshund geweint, an zwei Stellen konnte ich beim besten Willen nicht hin sehen, zwang mich aber, beim Rest des Films hinzuschauen und mich selbst zu quälen. Was war meine Qual schon im Vergleich zur Qual der Tiere? Natürlich hatte ich immer gewusst, dass kein Schlachttier "totgestreichelt" wird, aber man hatte sich immer noch schön geredet, dass es so wenig grausam wie möglich geschieht. Aber all diese Vorstellungen brachen wie ein Kartenhaus zusammen beim Anblick der schrecklichen Bilder in diesem Film.

Da ich aus beruflichen Gründen im Ausland lebe, war die Idee einer veganen Ernährung für mich zunächst nahezu unmöglich durchführbar. Ich lebe in Minsk, werde im kommenden Jahr zurück nach Berlin versetzt und ich war davon überzeugt, dass ich bis dahin keine Chance hätte, mich in diesem schon nicht besonders vegetarierfreundlichen Land nun auch noch vegan zu ernähren. Aber der Gedanke war in meinem Kopf und ich bestellte Bücher und schaute weitere Dokumentationen, die mich immer mehr bekräftigten, dass es eigentlich gar keine andere Lösung gibt, als nicht nur Fleisch und Fisch wegzulassen, sondern auch auf Milch-, Käse- und Eiprodukte zu verzichten.

Anfang Juli flog ich für drei Tage nach Berlin. Der Anlass: Ich hatte mittlerweile 12 kg abgenommen und ich brauchte dringend passende Hosen! Da ich nun aber immer noch nicht superschlank bin trotz des Erfolges, war es einfacher, einen Besuch bei Freunden mit einem Shopping-Wochenende in Berlin zu verbinden, als hier mühsam nach Hosen zu suchen, die mir passen würden.

In Berlin suchte ich nicht nur nach Hosen, sondern ich sah mich auch mit einem "veganen Blick" um, um für mich selbst herauszufinden, ob ich denn in Berlin vegan leben könnte. Außerdem wollte ich im Bioladen soviel vegane Nahrungsmittel wie möglich einkaufen, um sie alle mal ausprobieren zu können. Ich kaufte Seitan, Tofu, Sojagehacktes, Linsen und Quinoa und war traurig, nicht noch mehr mitnehmen zu können.

Außerdem lernte ich, wie meine Freunde, die von dem Wandel noch nichts wussten, auf meinen neuen "Spleen" reagierten. Und ich war positiv überrascht. Es gab offene Diskussionen, erstaunte Blicke, bewundernde Blicke (unter denen ich ganz schön rot wurde) und Aussagen wie "für mich käme das nie in Frage, aber wenn es für dich das richtige ist, stehe ich da hinter." Und ausnahmslos alle waren bereit, Restaurants so auszuwählen, dass auch ich auf meine Kosten kam.

Insgesamt wurde ich so bestärkt, dass ich bei meiner Rückkehr nach Minsk entschied: Ich probier's! Auch wenn ich es hier etwas schwerer haben würde und vieles nicht bekomme, was in Berlin sogar im normalen Supermarkt zu haben ist. Den Versuch ist's wert und der vegane Gedanke beinhaltet schließlich auch, dass man selbst versuchen will, so wenig Tierleid wie möglich zu verursachen. Also tue ich, was ich kann, sagte ich mir.

Von nun an wurden Rezepte gewälzt, online und auch als Buch. Ich schaute die Kochshow auf peta.de und Moschinski und Hildmann auf Youtube, fand ein riesiges Angebot von veganen Koch-Blogs und ließ mich komplett auf die Sache ein.

Ich ging beim Einkaufen mit ganz anderen Augen durch den Supermarkt, versuchte herauszufinden, was als Veganer unterm Strich übrig bleibt.

Und ja, viel ist es nicht unbedingt. Hauptsächlich halte ich mich nun in der Gemüseabteilung auf. Schwierig ist es für mich hier auch, dass ich kein Russisch kann. Ich kann zwar kyrillisch lesen, aber die Zutatenlisten kann ich eben oft nicht verstehen, so dass ich vermutlich auch des öfteren unwissentlich tierische Produkte in Nahrungsmitteln haben werde. Aber wann immer ich WEISS, dass tierische Produkte enthalten sind, nehme ich den Artikel nicht. Und seien wir mal ehrlich: Sich vegan ernähren heißt doch, dass man sich rein pflanzlich ernährt. Und eine Gemüseabteilung und ein Reis-/Nudel-Regal gibt es in jedem Supermarkt auf der ganzen Welt.

Milchersatz ist ein Problem, es gibt nur Kokosnussmilch, relativ teuer und nicht in großen Mengen. Sie schmeckt relativ stark nach Kokos und ist nicht immer in jedem Gericht (oder Kaffee) lecker. Also habe ich angefangen, Mandelmilch selbst zu machen. Auch Aufstriche für die Reiswaffeln in der Mittagspause, die ich zu vor-veganen Zeiten hauptsächlich mit Frischkäse bestrich, mache ich nun auch selbst. Mal ist es pürierter Kürbis, oder Aubergine, oder auch "Vrischkäse" aus Cashewnüssen mit Kräutern.

Heute fand ich sogar in einem Supermarkt, in den ich selten gehe, Sojaprodukte wie Soja-Hackfleisch, Soja-Geschnetzeltes, Soja-Gulasch, einen Tofu und Vollkornnudeln.

Das Fazit: Man kann in Minsk auch vegan leben. Manchmal ist es arbeitsintensiver, ich kann auch nicht davon ausgehen, dass ich - von Obst und Gemüse abgesehen - einen schnellen fertigen Snack finden werde, der in meinen Ernährungsplan hineinpasst. Aber ich werde satt, es schmeckt und ich habe noch nie so abwechslungsreich gekocht wie in den letzten Wochen.

Noch stehe ich am Anfang meiner "veganen Karriere", aber nicht nur, dass nun mein Gewissen im Hinblick auf Tiere völlig rein sein darf und ist, ich fühle mich außerdem gesünder, mein Blutdruck ist niedriger, mein Problem mit chronisch entzündeten Achillessehnen ist zurückgegangen, und last, but not least, mein Gewicht fällt weiterhin und das ganz ohne Hungern oder Kalorien zählen. Ob das alles daran liegt, dass ich nun Veganer bin, weiß ich nicht. Vielleicht liegt es nur am gesünderen, fettärmeren Essen und an der zusätzlichen Bewegung. Aber das zeigt doch nur, dass es auch nicht schadet.

Und die vegane Küche? Noch nie war Kochen so spannend, so aufregend und so einfach wie derzeit! Ich bin immer wieder völlig baff, was man alles machen kann und wie einfach es geht. Man muss sich nur die Zeit nehmen, es zu hinterfragen und kochen quasi neu zu lernen.

Buchtipps: 

Ethik:

"Anständig Essen" von Karen Duve
"Wie ich verlernte, Tiere zu essen" von Marsili Cronberg
"Tiere essen" von Jonathan Safran Foer
"Sie haben uns behandelt wie Tiere" von Manfred Karremann

Kochen:

"Vegan kochen - so klappt die Umstellung" von Celine Steen und Joni Marie Newman
"Vegan for Fun" von Attila Hildmann

WWW-Tipps:

Ethik:

http://www.peta.de/ People for the Ethical Treatment of Animals
http://earthlings.com/ "Earthlings" - der Film, der mich zum Veganer machte. Warnung: Wer hier hinschaut, wird die Bilder nie wieder vergessen!
http://www.peaceablekingdomfilm.org/ Eine bewegende Geschichte über die Transformation und das Heilen, der Film begleitet das Bewusstseinserwachen mehrer Leute, die mit traditionellen Landwirtschaftsstrukturen aufwuchsen und zu einem neuen Verständnis über ihren Weg im Leben gekommen sind.

Kochen:

http://www.youtube.com/thefreshvegan
http://blog.wagashi-net.de/ - hierher stammt mein Rezept für rohe Mandelmilch und Cashew-"Vrischkäse"
http://kochen.veganblog.de/
http://www.kochsvegan.de/
http://veganyumyum.com/


10. August 2012: Warum Veganer ständig ihr Essen fotografieren

Seit etwas über einem Monat lebe ich jetzt vegan. Das Kochen ist noch immer keine Routine geworden und ich wälze immer noch Rezepte, Online-Kochsendungen, Kochbücher und versuche mir die Tipps zu merken, womit man Eier, Milch, Käse und Fleisch in der veganen Küche ersetzen kann.

Auf Facebook habe ich mich diversen Gruppen angeschlossen, die sich ums vegane Kochen drehen. Dort posten alle Mitglieder regelmäßig die Rezepte, die sie ausprobiert haben zusammen mit Fotos ihrer Kreationen. Manche sind richtig kunstvoll und lassen einem das Wasser im Munde zusammen laufen. Andere sind vielleicht weniger überzeugend von der Optik, aber die Unterschriften verkünden, dass es hervorragend geschmeckt hat, trotz des Aussehens.

Es scheint so, als würde jeder Veganer ständig sein Essen fotografieren, ich muss zugeben, auch ich habe dieses Virus schon! Einer der Gründe ist die Tatsache, dass die veganen Speisen alle immer herrlich bunt sind, denn Gemüse ist nunmal in der Regel bunt. Und dann ist man immer wieder erstaunt, was alles geht, ohne dass die Zutaten drin sind, die man als jahrelanger Omnivor erwartet hätte.

Ein erster Backversuch ergab, ein Ei kann man durch eine kleine Banane ersetzen, die bindet genauso gut und wenn sie nicht zu reif ist, schmeckt man es auch kaum durch. Das Seitan, das ich mir aus Berlin mitgebracht hatte, wurde in kleine Scheiben geschnitten und knusprig angebraten, schon war es ein prima Fleischersatz auf einem Brötchen zusammen mit süßem Senf, Tomaten, Feldsalat und Paprika. Im Buch "Käse Veganese" entdecke ich lauter spannende Rezepte, wie man Käse ersetzen kann. Allerdings sind hier die Zutaten so speziell, dass ich in Minsk nicht wirklich weiß, wie ich das beschaffen soll. Es scheitert schon an den in der veganen Küche omnipräsenten Hefeflocken, die laut zahlreicher Hinweise einen leicht käsigen Geschmack von Natur aus haben sollen.

All das führt jedenfalls dazu, dass man als Veganer viel Zeit in der Küche nicht mit dem Kochen selbst, sondern einfach mit Staunen verbringt. Ich kann es meistens gar nicht fassen, was man alles machen kann. Was einem als omnivorer Koch alles entgeht, weil man sich nie Gedanken darüber macht, was man alles wie verarbeiten kann und was daraus wird.

Früher waren für mich zum Beispiel Cashewnüsse einfach nur Knabbereien, vorzugsweise gesalzen. Nun stellen sie sich als die Wundernuss schlechthin heraus, denn man kann aus der Cashewnuss von Milch, über herzhaften (Frischkäse) bis hin zu süßem (quarkähnlichen) Brotaufstrich, Parmesanersatz für das Überbacken von Aufläufen und über Nudelgerichte gestreut und vermutlich noch ein halbes Dutzend weitere Variationen herstellen. Diese Nuss ist so wandelfähig wie einst Mary & Gordy.

Auch Hülsenfrüchte sind wahre Küchenwunder, aus Linsen kann man beileibe nicht nur die einfache Linsensuppe machen! Nein, es gibt Brotaufstrich aus Linsen, Linsen-"Bratlinge", die mit den richtigen Gewürzen einer fleischigen Frikadelle recht nahe kommen und die auch kalt noch super schmecken, Salate, Gemüse und es gibt sicher auch hier noch zahlreiche Verwendungsmöglichkeiten, die ich (noch) gar nicht kenne.

Des Veganers bester Freund ist offenbar der Hochleistungsmixer und/oder der Stabmixer. Durch das Mixen der Zutaten entstehen ganz neue Geschmäcker und Konsistenzen, viele Rezepte stammen auch aus der Rohkostküche. Wobei das gar nicht bedeutet, dass man die Möhrchen nur noch roh knabbert, so wie ich immer dachte. Nein, Rohkost bedeutet, dass man ganze Menüfolgen erstellt, indem man mixt, mischt und kalt stellt und niemals über 40°C erhitzt. Heraus kommen dabei zum Beispiel mein bereits erwähnter Cashew-Nuss-Vrischkäse, der durch die Aufbewahrung an einem warmen Ort über Nacht leicht fermentiert und dadurch den typisch säuerlichen Geschmack von Frischkäse entwickelt oder die ebenfalls schon erwähnte Mandelmilch, die lediglich aus pürierten Mandeln, Wasser und etwas Salz und Ahornsirup besteht.

All das jedenfalls ist so faszinierend, dass man gar nicht anders kann, als seine Kamera zu zücken und die Werke für die Nachwelt festhalten will.

Mein Fazit ist, das Kochen als Veganer macht viel mehr Spaß als früher, es offenbart Geheimnisse und kleine Wunder, die man mit offenem Mund und großen Augen bestaunt. Neuerdings lese ich Kochbücher wie früher Romane... und habe ständig die Kamera in der Küche griffbereit liegen!

Buchtipps:
Käse Veganese von Heike Kügler-Anger
Vegan lecker lecker von Marc Pierschel

WWW-Tipps:

Blog: Kirschbiene kocht
www.ligiaskitchen.com
Blog: My new roots
Blog: Vegan Yum Yum


21. August 2012: Vegan im Urlaub


Seit einer Woche bin ich nun unterwegs im Baltikum. Mit dem Auto ging es bislang von Minsk nach Vilnius, weiter nach Palanga, Riga, Pärnu, Kuressaare, Hiiumaa und jetzt Tallinn. Jurmala und zurück nach Vilnius steht in den kommenden Tagen noch an, bevor es am Montag wieder zurück nach Hause geht. Überall wird in Hotels übernachtet und gegessen wird natürlich unterwegs in Restaurants. Im Baltikum ist vegetarisch oder vegan noch nicht besonders groß geschrieben und ich war gespannt, wie ich meine neue Ernährungsweise im Urlaub beibehalten können würde. Ich hatte mir vorgenommen, möglichst vegan, zumindest aber vegetarisch zu leben.

Und bislang klappt es wunderbar. Zugegeben, Essen gehen machte früher deutlich mehr Spaß im Urlaub, denn man konnte die Karte rauf und runter bestellen während ich jetzt die Karten eigentlich nur noch darauf hin studiere, was ich davon denn eigentlich essen kann. Meist bleibe ich dabei an der Vorspeisenkarte hängen, aber es gab auch überraschende Momente, in denen es vegane Varianten gab, mit denen man gar nicht rechnete! Natürlich kann ich oft nicht 100%ig sicher sein, ob es vegan ist, was ich bekomme. Ob z. B. Nudeln mit Ei sind (bei italienischen Restaurants ja vermutlich nicht) und ob Brot immer ganz ohne Butter und Milch auskommt z. B. Aber die Devise lautet: So wenig Tierleid wie möglich, also handele ich nach bestem Gewissen und bestelle Dinge, von denen ich denke, dass sie vegan sind.

Für meinen täglichen Kaffee habe ich eine Packung Sojasahnepulver dabei, so dass ich auf Milch im Kaffee nicht verzichten muss.

Aber der Reihe nach: In Vilnius war ich die erste Nacht noch allein, bevor am Tag darauf meine (omnivore) Freundin Caren anreisen würde. Ich war Im Cili Pica essen, wo ich Reibekuchen mit Salat und Pizzabrot bestellte.

Das Frühstück im Crowne Plaza Vilnius bot für mich Obst, Salat (Möhrensalat, Gukenscheiben, Tomaten) und Brot mit Marmelade. Dies ist mehr oder weniger das Frühstück, das ich überall bekam, es gab immer vegane Möglichkeiten, an die ich mich halten konnte.

In Palanga gab es abends in einem der Restaurants in der Fußgängerzone Pasta mit grünem Pesto. Leider ist Pesto natürlich nicht vegan, da in der Regel Parmesan drin ist. Aber es war die einzige zumindest vegetarische Variante auf der Karte. Das Frühstück war wieder ähnlich wie zuvor in Vilnius und am nächsten Tag gab es mittags Pilzrisotto.

In Klaipeda bestellte ich mir einen großen Teller Fritten mit Salat, die einzige vegane Variante auf der Speisekarte.

In Riga, Lettland half dann das Internet dabei, ein veganes Restaurant zu finden. Caren ließ sich auf das Abenteuer ein und wir aßen ein Business Lunch im Raw Garden Restaurant. Es ist halb/halb vegan bzw. Rohkost, was dazu führte, dass Caren sich ahnungslos das Rohkostmenü bestellte, was dann zugegebenermaßen nicht besonders überzeugend ausfiel. Kalter Couscous-Salat überzeugt höchstens hartgesottene Rohköstler, aber sicher keinen Fleischesser... Aber sie wurde satt und ich konnte mich an meinen veganen knusprigen Weinblättern mit Couscousfüllung satt essen, die sehr gut schmeckten.

Von Riga ging es weiter nach Pärnu, Estland. Hier war unser Hotel ein echter Reinfall: Das Spa Hotel Viiking ist definitiv keine Empfehlung wert. Die Bettücher waren zu klein für die Matratzen, die Handtücher fadenscheinig, das Hotelzimmer so winzig, dass man Platzangst bekam, das Frühstücksbuffet war lieblos hingeworfen und das Geschirr musste man selbst abräumen und der gesamte Laden hatte den Charme eines sowjetischen Klinikums für Herzpatienten... Da half auch nicht die Spa-Werbung für das "Romantic Treatment", romantische Stimmung kommt da selbst beim verliebtesten Flitterwochenpaar nicht auf... Nichtsdestotrotz fand ich auch hier veganes Frühstück: Brot, Marmelade, Oatmeal (ausgewiesen als lactose free, also nicht mit Milch angerührt) und der übliche Möhrensalat, Gurkenscheiben und Tomaten.

Für's Abendessen gab es eine besondere Überraschung: In einer sehr gut gehenden Pizzeria in der Altstadt bekam ich auf Nachfrage eine Gemüsepizza extra ohne Käse zubereitet. Super Service! :)

Von Pärnu ging es dann weiter auf die größte der estnischen Inseln, Kuressaare. Hier sollten wir eigentlich im Hotel Grand Rose Spa übernachten, aber ein Anruf, der mich noch in Riga erreichte, teilte mir mit, dass es in unserem Zimmer einen Wasserrohrbruch gegeben hatte. Man hatte uns stattdessen im Guesthaus Ekkesparre untergebracht, das direkt an der Burg von Kuressaare liegt. Hier hatte man für das Frühstück die Auswahl und konnte auch "special diets" angeben, was ich tat. Daraufhin bekam ich zum Frühstück, das aus Obst, Salat, Marmelade und Brot bestand, auch frische Sojamilch. :)

In Kuressaare hatte ich dann das erste mal "Pech" und bekam mit meiner Pasta mit Gemüse, das ich in einem der Restaurants bestellte, Käse oben drauf. Bei allen anderen Nudelgerichten hatte der Käse extra erwähnt dabei gestanden, darum hatte ich gedacht, hier wäre keiner dabei. War er aber nun doch. Also gab es hier nur vegetarisches Essen.

3. Oktober 2012: Kampfveganer oder Kuschelpazifist?


Letzten Monat bin ich leider nicht zum Schreiben gekommen. Ein kranker Kater (der jetzt wieder auf dem Weg der Besserung ist), ziemlicher Stress, zeitweiliger Internetausfall (weil ich wegen besagtem Stress vergessen hab, das Prepaid Konto aufzuladen) und allgemeine Schreibfaulheit waren der Grund. Ich habe aber jede Menge zukünftige Posts angedacht, es stehen schon zahlreiche Themen in der Warteschlange. So auch das heutige: Muss ich als Veganer nun ständig kämpfen und bin ich im Zentrum der Politik und der Überwachung durch andere? 

Ich ernähre mich erst seit Anfang Juli vegan und bin über den Umweg Gewichtsabnahme - Vegetarier - Vegan gegangen. Das ganze in einem Zeitraum von wenigen Monaten, bis Januar war ich noch "gedankenloser Omni". Meine ersten veganen Schritte machte ich aufgrund von Büchern (Anständig Essen, Tiere Essen, etc.) Gerade im Buch "Anständig Essen" hat mir der natürliche Umgang der Autorin mit dem Thema gefallen. Sie testet im Verlauf des Buches von vegetarischer über veganer bis hin zur fruktarischen Ernährung alle Versionen der tierleidfreien Lebensweisen. Und sie kämpft mit sich selbst, mit dem Umfeld und den Mitmenschen, mit "Omnis", "Veggies" und "Fructis" und behält dabei aber immer ihren Humor und bleibt sich selbst treu. Das wollte ich auch! Es ausprobieren, wie weit ich gehen kann/will und durch mein Entscheidungen soviel Tierleid wie möglich auf diesem Weg vermeiden.

Zunächst konzentrierte ich mich daher auf alle Bücher, die ich bekommen konnte und suchte im Internet nach Rezepten, Kochshows, Dokumentationen und Diskussionsrunden, durch die ich mich quasi "weiterbildete" und vor allem zum Teil auch regelrecht traumatisierte. Die Bilder der diversen Dokus haben sich mir teilweise so intensiv eingebrannt, dass ich nicht glaube, dass ich je wieder guten Gewissens Fleisch essen können werde. Von der veganen Lebensweise dachte ich zunächst, dass ich sie nicht durchführen könnte, denn hier in Weißrussland ist ja wie schon mal gesagt, nicht gerade die vegane Hochburg und extra Wünsche beim Essen gehen etc. sind sehr sehr schwierig, selbst wenn man die Sprache spricht. Zunächst behielt ich das alles also für mich und probierte es erst einmal aus. Je besser es funktionierte, umso euphorischer wurde ich natürlich und wollte mich mit anderen austauschen, die ähnlich denken. In meinem Umfeld bin ich aber ein echter Exot und stoße zwar nicht auf Abneigung, aber ich merke schon, dass ich mit dem Thema nicht permanent kommen kann. Das wäre dann so wie die frischgebackene Mutter, die allen anderen um sich herum von nichts anderem mehr als vom ersten Lächeln, Köpfchendrehen, Pamperswechseln und Mutterglück berichtet. Da wird man schnell langweilig...

Also habe ich angefangen, auch Foren und Gruppen von Veganern zu besuchen. Und stieß auf das Phänomen, dass Veganer nicht gleich Veganer ist und dass es - wie ich sie nenne - Kampfveganer gibt, die alles und jeden anfeinden, der nicht zu 100 % vegan lebt. Nicht nur ernährungstechnisch muss da alles stimmen! Man darf selbstverständlich keine Lederschuhe oder -gürtel tragen, auch nicht, wenn man die eben schon seit vorveganen Zeiten besitzt. Man trägt keine Wolle, keine Seide, schläft nicht in Daunenbettwäsche und benutzt Kosmetika und Hygieneartikel, die selbstverständlich komplett tierversuchsfrei und ohne tierische Inhaltsstoffe sind. Alle diese Artikel kennt man mit Namen und wenn nicht, hat man seine App beim Einkauf dabei, mit der man das natürlich sofort überprüft, bevor man kauft. Auf Soja basierende Lebensmittel "sind ja auch nicht gesund" (da streiten sich jedoch die Geister) und besser lässt mand die auch gleich weg. Aber nicht nur das, wir kaufen selbstverständlich nur Bio, saisonal und lokal, keine importierten Gemüse- und Obstsorten und wenn man eine tropische Frucht kauft, dann macht man das erstens demütig und zweitens nur ganz selten. Kaffee ist ohnehin ungesund und wenn nicht Fairtrade geht der gar nicht, also streichen. 

Biolebensmittel, die Palmöl verwenden, müssen genauso boykottiert werden, weil die Palmölgewinnung den Lebensraum der Orang Utans zerstört. Und am besten stellt man ohnehin ALLES selbst her, von der Pflanzenmilch über die Brotaufstriche, das Brot selbst und den Tofu. Die Zeit dazu nimmt man sich einfach, auch wenn man täglich 8 Stunden arbeiten geht. 

Man trägt natürlich auch nur Baumwolle, von der man weiß, dass sie aus Fairtrade ist, denn sonst leiden zwar keine Tiere, aber Menschen, Jeanshosen werden im Ausland unter brutalen Bedingungen für die Arbeiter hergestellt - gestrichen! Schuhe aus Kunstleder können trotzdem unvegan sein, weil der verwendete Kleber Tierleim enthält. Die vom Zahnarzt wegen empfindlicher Zahnhälse empfohlene Zahncreme ist unvegan, also nimmt man eine andere, auch wenn man danach wieder Zahnschmerzen hat. 

Man benutzt bestimmte Redensweisen nicht mehr, wie z. B. "Du Ferkel" oder "Zwei Fliegen mit einer Klatsche erschlagen" oder ähnliches. Das ist respektlos den Tieren gegenüber! Und man wünscht selbst den schlimmsten Verbrechern niemals, dass ihnen selbst das gleiche passiert, was sie ihren Opfern antun, weil wir sind gewaltfrei und denken so etwas nicht einmal! 

Alle diese Argumente leuchten mir natürlich ein. Aber es kann nicht jeder danach leben. Ein paar Beispiele:

Biolebensmittel gibt es hier nicht. Möglich ist es für mich, im 3 Stunden Autofahrt entfernten Vilnius Bio einzukaufen. Aber dort gibt es eine einzige Marke für vegane Brotaufstriche - mit Palmöl. Ein paar Dosen davon habe ich jetzt hier auf Vorrat, wenn ich eben mal keine Zeit hatte, mir den Aufstrich selbst herzustellen. 

Nur saisonales und lokales Obst und Gemüse essen: In Weißrussland ist die Auswahl dann im Winter nicht sehr groß. Das würde für mich bedeuten, dass ich hauptsächlich von unattraktiven Kartoffeln, Chinakohl, Wurzelgemüse und ähnlichem leben würde. "Bio" gibt es hier ohnehin nicht wirklich, von der Nähe zu Tschernobyl will ich mal gar nicht erst anfangen. 

Fairtrade Läden brauche ich hier nicht zu suchen. Ich müsste also alles importieren, das kostet Geld (meins), Zeit und viel Aufwand und ist natürlich auch wieder nicht umweltfreundlich, denn dann fährt ein LKW wegen mir von Deutschland nach Minsk. 

Die Inhaltsstoffe stehen hier bei Artikeln nicht immer vollständig auf den Etiketten, und wenn, kann ich sie oft natürlich nicht lesen. Ob es hier überhaupt tierversuchsfreie Kosmetik gibt, weiß ich gar nicht, die einschlägigen Marken "Lush", "Balea" und "Paul Mitchell" oder irgendeine der sonst in den Listen erwähnten Marken gibt es jedenfalls nicht. 

Da ich ja noch ganz nebenbei dabei bin, zahlreiche Kilos zu verlieren, ändert sich auch ständig meine Klamottengröße, d.h. ich brauche mehr neue Kleidung als normalerweise. Ich kaufe also ein, wobei ich noch nie Kleidung im Discounter gekauft habe. Aber selbst wenn nicht, kann ich nicht darauf warten, bis ich in die Nähe eines Fairtrade-Öko-Bio-Klamottenladens komme... 

Beim Ausessen gehen ist es eben so schwierig wie in den Momenten, wenn man eingeladen ist zum Essen. Weißrussen kennen "vegan" eigentlich nicht wirklich, sie können sich nichts drunter vorstellen. Weder im Restaurant noch im Privatbereich. Ein Kollege wollte sogar unbedingt mal in meinen Kühlschrank gucken, weil er sich nicht vorstellen konnte, was da bei mir überhaupt noch drin sein könnte! Ich bin dienstlich aber hin und wieder in der Zwickmühle, dass ich essen gehen muss oder bei Leuten zu Hause eingeladen werde. Vegetarisch kann man ja noch rüberbringen, aber vegan übersteigt die Vorstellungskraft der meisten. Und nicht alle können vegan kochen (oder haben die Fantasie dazu), nur weil plötzlich jemand im Umfeld anfängt, vegan zu leben! 

Was das Tragen von Wolle angeht, so habe ich in meinem Leben ohnehin sehr selten echte Wolle getragen, weil sie mir zu sehr kratzt. Aber es gibt eine Strickjacke aus Wolle, die ich trage und womit ich auch nicht aufhöre, denn sie gehörte meinem verstorbenen Vater und der ideelle Wert dieser Jacke wiegt tausendfach mehr als das eventuell damit verbundene Tierleid in der Vergangenheit. Ich weiß nicht einmal, woher diese Wolle stammt und kann das auch nicht mehr herausfinden, aber wegen des Tragens dieser Jacke angefeindet zu werden, werde ich jedenfalls nicht zulassen. Das gleiche gilt für die echte Perlenkette meiner verstorbenen Mutter. 

Und sorry, die Tatsache, dass ich Tierleid vermeide, heißt nicht, dass ich es richtig finde, wenn brutale Gewaltmörder mit Samthandschuhen angefasst werden. Da bin ich nach wie vor für härtere Strafen als ein paar Jahre deutsches Gefängnis und dann vorzeitige Freilassung "wegen guter Führung". Ich bin Veganer, kein geborener Gutmensch... 

Diese und viele andere Gründe gibt es also irgendwie laufend, warum 100 % Vegan eben nicht geht. Manchmal ist eben doch Fetakäse im Salat und wird zur Seite geschoben oder beim Essen bei Kollegen zu Hause wird es "nur" vegetarisch, weil man nicht unhöflich sein will. Und wenn die Hosen nicht mehr passen, wird eine neue gekauft. Aber in den einschlägigen Veganerforen und -gruppen gerät man dann sehr schnell unter Beschuss und wird als "nicht konsequent", "verlogen" oder "heuchlerisch" bezeichnet.

Meistens lese ich still mit und denke mir das meine. Dabei hoffe ich immer, dass es auch noch andere wie mich gibt, die nicht auf "Kampfveganer-Modus" schalten, sobald irgendjemand nicht sofortigst alle Daunendecken, Lederschuhe, Fliegenklatschen und Kosmetika aus seinem Leben verbannt. Meiner Meinung nach kann man die Vergangenheit (also das, was man früher mal gekauft hat) nicht rückgängig machen. Wem ist also damit gedient, wenn ich nun meine Daunendecken und Lederschuhe, die alle noch völlig in Ordnung sind, wegschmeiße? Am Ende sind die Tiere dafür dann nicht nur gestorben, sondern auch noch weggeworfen worden? Hilft das auch nur einem einzigen Tier? Zukünftige Kaufentscheidungen treffe ich ab jetzt bewusster, möchte aber für meine Vergangenheit oder auch gegenwärtige Fehler nicht permanent angefeindet werden oder mich rechtfertigen. Ich sehe mich auch nicht als "Vorbild" oder "Missionar" für meine Umwelt. Es wird immer total beratungsresistente Menschen geben und ich bin die letzte, die sich ständig in Streitgespräche verwickeln lassen möchte. Wer sich für das Thema interessiert und mich danach befragt, bekommt Antworten, einige habe ich auch schon in gewissem Maße beeinflusst und habe vor allem zum Nachdenken angeregt. Aber durch Heiliger als Heilig sein kann man doch da eh nichts erreichen! Ich hätte mich davon zu Omnizeiten auch nur abgeschreckt gefühlt! Lieber mit leckerem Essen, gutem Aussehen, guter Figur und offenbar positiverer Ausstrahlung punkten und als Antwort auf die Frage "warum" mit "Vegan" antworten!

Zum Glück liest man ab und zu auch mal ähnliche Meinungen wie die meine und ich bin offenbar nicht ganz allein auf Feld und Flur. Ich nehme an, dass die, die - wie ich finde - etwas realistischer denken, so wie ich meistens ihre Meinung für sich behalten und den anderen beim sich gegenseitig kloppen kopfschüttelnd zuschauen. 

Ich finde, jeder Veganer, egal ob er sich aus gesundheitlichen, ethischen oder beiden Gründen vegan ernährt, ist schon ein großer Gewinn. Und selbst wenn, wie viele ja behaupten, diejenigen, die es nur der Gesundheit wegen machen, nicht ewig dabei blieben, wären zumindest einige Jahre lang weniger Tiere gestorben für diesen Menschen. Natürlich möchte ich auch gerne, dass ab sofort keinerlei Massentierhaltung und sonstige Ungerechtigkeiten auf der Welt mehr passieren. Aber das wird so nicht funktionieren. Jeder, der sich bewusst entscheidet, ab sofort weniger Fleisch zu essen, jeder Vegetarier und jeder Veganer, der neu hinzukommt, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Rom wurde nicht in einem Tag erbaut und auch die Abschaffung der Sklaverei brauchte ihre Zeit. 



Bei Kampfansagen von Überveganern klicke ich in Zukunft weiter. Ich glaube nicht, dass sie der Sache in irgendeiner Weise dienen. Menschen überzeugt man mit positiver Energie, nicht mit Anfeindungen! 

2. November 2012: Aber dein Kater frisst doch noch Fleisch, oder? 


Seit ich mich dazu entschlossen habe, mich selbst vegan zu ernähren und so gut wie möglich dem veganen Grundgedanken entsprechend zu leben, wird mir diese Frage immer häufiger gestellt. Um es vorab zu sagen: Mein Kater, der mittlerweile 13jährige Jimmy, ist kein Veganer. Obwohl ich mir bei ihm nicht sicher bin, ob er  - wenn er könnte - sich nicht sogar dazu entschließen würde. ;)

Ich muss zugeben, die Sache mit den carnivoren Haustieren ist für Veganer eine echte Zwickmühle. Einerseits möchte man nur das Beste für sein vierbeiniges Familienmitglied. Andererseits möchte man natürlich nicht, dass für das eigene geliebte Tier andere Tiere qualvoll ermordet werden.

Zunächst aber erst einmal ein Ausflug in meine Vorstellung einer natürlichen Katzenhaltung. In einer idealen, das heißt naturbelassenen Welt, in der der Mensch noch nicht alles für sich beansprucht und zerstört hat, sähe das Leben mit meiner Katze wie folgt aus:

Wir leben auf dem Land, wo es keine Katzenfänger, Jäger, Autos oder andere vom Menschen verursachten Gefahren für Katzen gibt. Ich habe eine Katzentür, so dass sie jederzeit und wann immer ihr danach ist, auf die Pirsch gehen kann. Während ihrer Streifzüge versorgt sie sich mit dem nötigen Frischfleisch in Form von Mäusen, Vögeln, Kaninchen oder was Katzen sonst so jagen. Auch als Veganer komme ich mit der Vorstellung klar, dass Katz’ dazu neigt, ihrer Familie ihre Beute zu bringen, das ist die Natur. Im Futternapf zu Hause gibt es als Nahrungsergänzung veganes Trockenfutter für Katzen, das es mittlerweile schon käuflich zu erwerben gibt (z. B. AmiCat).

Soweit die Idealvorstellung. Die ist aber wohl nur in den seltensten Fällen durchführbar, und es wird zahlreiche gute Gründe geben, warum es so eben nicht überall funktioniert. Auch bei mir und Jimmy.

Fakt ist, Jimmy war nie ein Freigänger, er wurde in einer Wohnung geboren, lebte die ersten 6 Jahre seines Lebens ausschließlich in einer Etagenwohnung und weiß gar nicht, welche Gefahren da draußen überhaupt lauern. Beim Anblick eines Autos würde er vermutlich nicht weglaufen, sondern erstarren.

Eine weitere Tatsache ist es, dass ich (noch) in einem Land lebe, in dem streunende Tiere eingefangen und getötet werden. Dabei wird keine Rücksicht darauf genommen, ob die Tiere jemandem gehören und ich wage es zu bezweifeln, dass zuvor kontrolliert wird, ob das Tier einen Mikrochip trägt oder nicht. Es werden „Säuberungstrupps“ losgeschickt und ganze Straßenzüge „gereinigt“, da wird auf ein Einzelschicksal eines Stubentigers beim Ausflug keine Rücksicht genommen.

Und dann ist da noch die Tatsache, dass Jimmy’s Katzenmutter ihm nie beigebracht hat zu jagen. Er weiß gar nicht, dass das, was dort draußen herum kreucht und fleucht auch Nahrung darstellt. Alle Tierchen, die er bislang in seinem Leben gefangen hat, weil sie sich in sein eingezäuntes Gartengehege verlaufen haben, haben es überlebt. Jimmy findet es nur so lange spannend, wie er dem Getier hinterher rennen kann. Sobald er es dann im Maul hat, weiß er nichts damit anzufangen und schenkt es mir. Ob Maikäfer, Motte oder Babymaus, alle bekam ich lebend überreicht und habe sie wieder in die Freiheit entlassen. Das mit der Selbstversorgung würde also scheitern…

Jimmy liebt AmiCat, das vegane Katzentrockenfutter. Wenn ich ihm eine Schüssel halb und halb mit seinem herkömmlichen (fleischhaltigen) und dem veganen AmiCat hinstelle, pflückt er als allererstes alle veganen Bröckchen heraus.

Er hat auch zu meinen omnivoren Zeiten nie Fleisch von meinem Teller gefressen oder das zum Auftauen in der Küche liegende Fleisch geklaut. Interessierte ihn einfach nicht. Wenn es aber Pfannkuchen gibt, oder schwarze Oliven, oder Ofenkartoffeln, da will er etwas von ab haben. Seine Wahl würde also vermutlich eher auf nicht fleischliche Nahrung fallen, wenn man sie ihm ließe.

Ausschließlich veganes Katzenfutter zu füttern, widerspricht meinem tiefsten Inneren dann aber doch. Die Katze ist ein Fleischfresser und das erkennt man schon an dem Argument, das Veganer immer dazu nutzen, um zu beweisen, dass der Mensch keiner ist: Sie haben Fangzähne.



Unabhängig davon, dass Jimmy seit einiger Zeit ohnehin unter Verdauungsproblemen leidet und zu chronischer Verstopfung tendiert, was mich in Sachen Experimenten mit seiner Ernährung nicht unbedingt abenteuerlustig stimmt, bin ich auch kein Freund davon, Katzen ausschließlich mit Trockenfutter zu ernähren. Und veganes Nassfutter gibt es (noch) nicht. Spätestens, wenn die Katze älter wird und man ihr öfters mal Tabletten verabreichen soll, ist man dankbar dafür, wenn die Katze Nassfutter kennt und frisst, unter das man die Tabletten mischen kann. Manche Katzen verlieren außerdem im Alter ihre Zähne und können Trockenfutter nicht mehr richtig kauen. All das würde mich also davon abhalten, von jungen Jahren an die Katze ausschließlich auf Trockenfutter zu konditionieren.

Was ich aber durchaus mache, und das ganz im Sinne von „so wenig Tierleid wie möglich“, ist eine Mischung anzubieten. Jimmy bekommt veganes Trockenfutter, das er, wie schon geschrieben, auch wirklich gerne mag. Er fällt über sein mit veganem Futter gefülltes Fummelbrett her, als wär Weihnachten und Ostern auf einen Tag gefallen. Seine normalen Mahlzeiten bestehen aber weiterhin aus Nassfutter mit Fleisch.



Bevor nun jemand gleich meint, die Verstopfung käme von dem veganen Trockenfutter: Die trat schon lange vor meiner eigenen und Jimmys Veganisierung auf! Daran liegt es also NICHT!

Wäre ich in Deutschland und hätte es einfacher, an besonderes Futter heranzukommen, würde ich es auch mal mit Bio-Katzenfutter ausprobieren, so wie ich z. B. die Marke „Yarrah“ entdeckt habe. Allerdings muss man da bei Katzen immer damit rechnen, dass sie nach jahrelangem Genuss einer bestimmten Marke sehr wählerisch sind und nicht so leicht auf eine andere Futtersorte umsteigen.

Würde ich eine neue, noch nicht in alte Gewohnheiten verfallene Katze adoptieren, würde ich aber von vorneherein versuchen, Biofleisch- und vegan zu füttern.

Und um die nächste Frage gleich vorweg zu nehmen: Ja, eigentlich ist Haustierhaltung an sich wohl auch nicht ganz nach dem veganen Gedanken von Freiheit für alle Tiere und dem Wunschgedanken, jedes Lebewesen möge sich frei entfalten und entwickeln können, ohne von den Launen seines Menschen abhängig und auf ihn angewiesen zu sein. Sicher wäre Jimmy ein „normalerer“ Kater, wenn er einfach dann überall hingehen und immer das essen können würde, wo er gerade selbst Lust zu hat. Stattdessen entscheide ich, wann er in den Garten darf, wann und was er frisst und ob ich jetzt mit ihm spiele oder doch zur Arbeit gehe. Andererseits ist es auch diese Abhängigkeit, die unseren Haustieren - und damit meine ich jetzt nur die, die bei Menschen gelandet sind, die es wirklich gut mit ihnen meinen - ein langes, gesundes und vermutlich auch zumeist glückliches, weil sorgenfreies Leben ermöglicht.

Ich würde niemals ein Zuchttier kaufen, denn ich finde, es gibt so viele Tiere, sowohl junge als auch schon erwachsene, die in einem Tierheim sind und ein Zuhause suchen. Diese Tiere werden genauso anhängliche oder oft sogar noch dankbarere Haustiere sein. Ihnen ein Zuhause zu geben, ist nicht gelebter Egoismus, um einen vierbeinigen „Freund“ zu versklaven, sondern ist durchaus im Sinne von Tierschutz und Tierliebe zu verstehen.

Und selbst die strengen „PETA“-Aktivisten sind dieser Meinung. Der Mensch hat nun einmal diese Welt so geformt und beherrscht, wie sie jetzt ist. Blauäugig die Zeit zurückdrehen und friedlich mit den anderen Säugetieren und Lebewesen den Planeten teilen, das klappt nicht mehr. Der Zug ist abgefahren. Aber man kann versuchen, aus der Situation das Beste zu machen.

Das ist ja ohnehin der Wahlspruch meines veganen Lebensstils. 100% geht halt nicht, aber wenn jeder schon soviel täte, wie es ihm persönlich möglich ist, ohne sich komplett zu verbiegen, wäre der Welt und allen seinen Bewohnern schon sehr geholfen!

28. Dezember 2012: Jahresbilanz


Ende des Jahres.
Silvester steht vor der Tür.

Auch dieses Jahr gibt es keine guten Vorsätze für's neue Jahr, denn das hat letztes Mal so gut funktioniert, dass ich ganz fest daran glaube, dass es auch diesmal wieder klappt. :)

Meine Zwischenbilanz 10 Monate nach der schleichenden Ernährungsumstellung:

- Ernährung zu 99 % vegan
- Minus 26 kg (von 99 auf 73 kg)
- Minus 10 BMI Punkte (von 38,59 auf 28,63)
- Von Konfektionsgröße 48 (US 18) auf 42 (US 12)

Manchmal kann ich es selbst immer noch nicht glauben. Als ich kürzlich in Urlaub war und meinen Koffer bei der Gepäckaufgabe auf das Gepäckband wuchtete, zeigte die Waage 23,7 kg für den Koffer an. Das war immer noch weniger als ich jetzt insgesamt abgenommen habe und ich konnte den Koffer kaum hoch heben! All das habe ich permanent Jahre lang mit mir herumgeschleppt! Kein Wunder, dass mir alles weh tat!

Und wenn ich an einem Spiegel oder Schaufenster vorbei komme, kann ich endlich wieder wohlwollend hinein sehen. Und Fotos von mir schaue ich an, ohne sie am liebsten gleich verbrennen zu wollen. Ein herrliches Gefühl!

Klamotten einkaufen gehe ich in ganz normalen Läden - ich musste sogar neu lernen, wie man das macht, denn in meinem Kopf bin ich immer noch der dicke Moppel, der in den Übergrößeladen gehört.

Ich lief im Urlaub durch New York und traute mich anfangs nichts anzuprobieren, weil mein Kopf immer sagte, dass ich da eh nicht reinpasse, dabei stimmt das ja gar nicht mehr!

Letztlich wurde ich fündig und kaufte gut sitzende Jeans und Oberteile in einem Laden namens Lucky Brand. Als ich einer Freundin davon erzählte und sie mit den Worten antwortete "da pass ich nicht rein", habe ich mich richtig erschrocken! Früher habe ich mich immer aufgeregt, wenn mir "dünne" Leute sagten, wo sie ihre Klamotten kaufen und ich solle doch auch mal dorthin gehen. Habe gedacht, die sagen das nur, um mir auf die Nase zu binden, dass SIE da einkaufen können und ICH nicht. Aber Fakt ist, nun hatte ich es selbst unbewusst so gemacht. Dabei hatte ich wirklich keine bösen Absichten, sondern im Kopf "wenn ich reinpasse, passt auch meine Freundin rein." Im Laden hatte ich auch nicht drauf geachtet, bis zu welcher Größe die Kleidung angeboten wird.

Ich muss offenbar mein Inneres meinem Äußeren noch anpassen und auch vom Kopf her lernen, dass ich dünner bin.

Dabei bin ich noch lange nicht "dünn", bin mit 73 kg immer noch deutlich übergewichtig. Aber nun ist der Druck von mir. Ich habe das Gefühl, dass weiterer Gewichtsverlust wahrscheinlich ist, dass er willkommen sein wird, aber dass er nicht mehr unbedingt auf Teufel komm raus notwendig ist. Ich fühle mich jetzt so viel wohler als früher und genieße mein neues Ich. Da hat ein schlechtes Gewissen keinen Platz mehr.

Weihnachten habe ich nicht über die Strenge geschlagen, aber ich habe mir die ersten Süßigkeiten seit 10 Monaten gegönnt: Ein paar Dominosteine und Gewürzspekulatius. Es hat die Waage nicht beeinflusst und ich bin mit plus-/minus-Null aus den Tagen herausgekommen. Trotz vorherigem Urlaub, Feiertags-Ausnahmen und wenig Bewegung.

Wegen einiger großen Projekte habe ich über einen Monat lang keinen Sport mehr gemacht. Zuerst waren die Vorbereitungen für den Wohltätigkeits-Weihnachtsbasar im Dezember, die mich jeden Abend mit Backen, Basteln, Organisieren und Planen beschäftigten. Da die Zeit knapp war, habe ich den Sport zugunsten dieser Tätigkeiten ausgelassen.

Ich habe massenweise Weihnachtsplätzchen gebacken, aber da alles für den Basar war, habe ich nichts davon selbst gegessen und konnte mit stolz auf meinen inneren Schweinehund in Ketten schauen.

Nach dem Basar war ich in New York im Urlaub, also wieder kein Sport, obwohl ich da natürlich sehr viel zu Fuß unterwegs war und sicher einige Kilometer täglich abgeklappert habe.

Nach der Rückkehr kam der Jetlag. Monster-Jetlag, um genau zu sein. Meine Güte, war ich k.o. Nachts wach. Tagsüber komatös. Auch kein Sport. Dazu war ich einfach nicht in der Lage.

Dann die Weihnachtsfeiertage - jetzt Sport? Ne...

Aber gestern habe ich es wieder geschafft und mich aufgerafft. Und mit Freuden festgestellt, dass die mühsam erarbeitete Kondition noch da ist. Gottseidank! Einstieg wieder geschafft! Und auch diesmal ganz ohne Neujahrsvorsatz!  ;)

Meine Bilanz für das Jahr 2012: Ein voller Erfolg! Trotz einiger Berg- und Talfahrten war es das beste Jahr seit langem!

Ich hoffe, auch im neuen Jahr noch weitere positive Entwicklungen zu erleben. Es stehen erneut große Änderungen bevor; die Zeit in Minsk geht zu Ende, die Versetzung nach Berlin steht an. Neue Wohnung, neue Stadt. Deutschland ist zwar meine Heimat, aber in Berlin habe ich nie gewohnt und in Deutschland so lange schon nicht mehr, dass ich gar nicht mehr weiß, wie es dort eigentlich zugeht. 16 Jahre Leben im Ausland prägen ganz schön. Vermutlich werde ich anfangs lauter Strafzettel bekommen für Dinge, die für mich im Ausland normal geworden sind... ;)

Trotz aller bevorstehenden Änderungen freue ich mich auf Berlin. Viele Freunde leben zur Zeit dort, zumindest die Suche nach neuen Freunden fällt bei dieser Versetzung also ausnahmsweise mal weg. Und alles andere wird sich sicher auch von selbst regeln.

Ich schaue positiv in die Zukunft und wenn ich ganz gut drauf bin, dann stelle ich mir vor, was heute in einem Jahr sein wird. Werde ich dann zum ersten Mal im Leben Normalgewicht haben? Welche Kleidergröße werde ich tragen? Welchen Job werde ich machen? Werde ich mich wohlfühlen? Wird es Kater Jimmy gut gehen?

Und die Antworten in meinem Kopf lauten alle positiv!

In diesem Sinne: Allen Lesern ein glückliches, gesundes und erfolgreiches neues Jahr!

19. März 2013: Mein lieber Freund und Omnivor

In meinem Umfeld gibt es kaum Veganer, ich bin ein Einzelgänger, was meine Überzeugung angeht. Und diese ist auch noch relativ neu für alle. Erst seit 9 Monaten lebe ich vegan, vor 13 Monaten habe ich mich nicht einmal vegetarisch ernährt.

Eigentlich habe ich Glück, meine Freunde haben es akzeptiert, dass ich nun "anders ticke als sie". Wenn ich eingeladen bin oder man gemeinsam essen geht, wird entsprechend Rücksicht genommen.

Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, eine Art Freak geworden zu sein. Insgeheim glaube ich, dass viele denken, dies sei ein vorübergehender Spleen. Oder meine Form von Diät und nicht meine Überzeugung, gerade weil es diättechnisch ja auch soviel Erfolg gebracht hat und ich 30 kg weniger wiege als zu Beginn meiner Reise.

Für mich ist meine Ernährung mittlerweile normal geworden. Mir fehlt nichts mehr aus der Omni-Zeit. Die anfänglichen Heißhungerattacken auf Käse oder Milchschokolade waren relativ schnell überstanden und mir schmeckt mein Essen und mein Leben.

Aber Veganismus ist nicht nur essen. Überall sind Tiere drin oder dran beteiligt. Fast nichts kann man kaufen, unternehmen oder verwenden, ohne dass in irgendeiner Form Tiere darunter leiden oder gelitten haben. Für mich ist dieses Leid in jedem Artikel, in jedem Lifestyle-Objekt, in jedem Freizeitvergnügen nicht mehr unsichtbar. Ich kann es nicht mehr ausblenden, zuviel habe ich gelesen, gesehen und gehört. Zuviele Tränen aus Mitleid und Scham habe ich vergossen.

Während also mein Essen unter meinen Freunden nach wie großes Thema ist und ich regelmäßig ausführlichst darüber informiert werde, wer wann was und wieviel Gemüse gegessen hat, fällt die andere dunkle Seite des Konsums meistens unter den Tisch.

Fröhlich wird mir weiterhin von den tollen neuen Lederschuhen berichtet, die man im Geschäft XY gekauft hat und ich erhalte die Empfehlung, da unbedingt mal hinzugehen.

Oder vom Besuch im Staatszirkus in Minsk, in dem Eisbären Rollschuh laufen und zu Aussagen führen wie "Naja, das ist sicher nicht artgerecht, aber die sahen nicht so aus, als wären sie unglücklich." (Wie genau sieht wohl ein unglücklicher Eisbär aus, frage ich mich da...)

Oder vom Treatment im Fish-Spa, wo die paar Fischlein, die die Massenaufzucht und den Transport in die weltweiten Spa-Salons überlebt haben, die toten Hautschuppen von Füßen und Beinen zahlreicher Kunden (mit vermutlich ähnlich zahlreichen Krankheiten) nibbeln.
(Wer mehr darüber lesen will, muss nur mal googlen oder hier lesen: The Vegan Woman.)

Weitere immer wieder auftauchende Themen sind

- Zoobesuche,
- Anschaffung von Jungtieren vom Züchter,
- Kauf von Daunenjacken, Daunendecken, etc.,
- Streichel-Erlebnisse von zahmen Wildtieren wie Tiger, Schlangen, o.ä.
- der schicke neue Wollpulli,
- der gesunde Honig auf dem Frühstücksbrötchen,
- das Sonntags-Ei vom glücklichen Huhn auf dem Bauernhof

und vieles vieles andere.

Sehr viel davon (abgesehen von Zirkusbesuchen, die ich schon immer sehr fragwürdig fand, wenn Tiere beteiligt waren) wären Dinge gewesen, die man mir bis vor ein paar Monaten nicht nur hätte begeistert erzählen können, sondern bei denen ich die Begeisterung geteilt hätte und - wenn es sich ergeben hätte - auch mitgemacht hätte.

Nun will ich das nicht mehr. Nun bin ich der Spielverderber. Nichts kann man mir noch erzählen, ohne dass sich mir innerlich der Wunsch aufdrängt, den Erzählenden darüber aufzuklären, welches Leid er damit verursacht.

Ich möchte aber nicht permanent mit einem erhobenen Zeigefinger herumrennen, permanent Leute auf ihre Unachtsamkeit der Umwelt und ihren Mitgeschöpfen gegenüber hinweisen. Diese Menschen sind alle großherzig, tierlieb, freundlich, würden keiner Fliege etwas zuleide tun, sonst wären sie gar nicht meine Freunde. Sie sind so, wie ich früher selbst war. Sie denken eben nur nicht nach. Machen Dinge mit Tieren, ohne sich zu überlegen, ob die Tiere das auch freiwillig täten, wenn sie selbst entscheiden könnten.

Meistens versuche ich, durch meine Reaktion zu zeigen, dass ich das, wovon mir berichtet wird, nicht mag. Ich hoffe, dass man zwischen den Zeilen liest und sich vielleicht denkt, warum ich es ablehne. Aber in der Regel klappt das nicht. Manch einer ist hartnäckig und kommt immer wieder auf das Thema zurück.

Darum hier an dieser Stelle: Liebe Omni-Freunde, ich werde nicht zum Kampfveganer, ich will niemanden bekehren, ich kann niemanden zwingen, weiter nachzudenken, als er es sich bislang zugesteht. Aber wenn ich mal wieder auf eines Eurer Themen nicht wirklich eingehe, wenn ich sage "Nein, das ist nichts für mich." und mich abwende, dann kommt doch einfach mal selbst auf die Idee, dass der Grund dafür vielleicht meine ethische Überzeugung ist. Zumal wenn es Dinge sind, die mit Tieren oder Produkten von Tieren zu tun haben. Wenn Ihr Euch traut, recherchiert hinterher mal, was Ihr da erlebt oder genutzt habt und hinterfragt, warum ich es nicht gut fand. Wenn Ihr das nicht tun wollt, kann ich Euch nicht zwingen, aber dann lasst das Thema gut sein, wenn ich beim ersten Mal nicht gleich drauf angesprungen bin.

Ich will meine omnivoren Freunde behalten, Ihr seid mir wichtig, ans Herz gewachsen, ich liebe Euch. Ich bin Euch dankbar dafür, dass Ihr meinen zugegebenermaßen großen Wandel so akzeptiert habt und immer noch mit mir befreundet sein wollt und Euch auch immer mal wieder in Gespräche über Veganismus verwickeln lasst.

Ich verlange nicht, dass Ihr mir gegenüber niemals erwähnt, wenn Ihr lecker essen wart oder wenn Euch ein Rezept besonders gut schmeckt, ihr müsst da auch nicht beschämt die unveganen Zutaten murmeln oder mit "ach, das ist ja eh nichts für Dich." das Gespräch gleich abbrechen. Ich könnte Rezepte, wenn sie mich dann auch interessieren, veganisieren. Ich lebe mit Euch und unter Euch auf einem Planeten, den wir uns alle teilen.

Ich bitte Euch lediglich um ein kleines bisschen mehr Sensibilität im Hinblick auf Themen, die in irgendeiner Weise mit Tieren zu tun haben, die "dem Menschen dienen". Meistens hat das nämlich eine dunkle Seite, die man nicht auf Anhieb sieht. Auch wenn die Tiere, die man selbst zu Gesicht bekommt, es überleben und anscheinend "glücklich" sind.

So wie es für jedes Frühstücksei, das gegessen wird, ein geschreddertes männliches Küken gibt, so gibt es für jedes andere Tier, dass zu unserem Vergnügen oder für unsere Ernährung herhalten muss, ein weiteres Tier, das es nicht überlebt oder zumindest gelitten hat. Für mich ist dieses Wissen mittlerweile so verinnerlicht, dass ich die Dinge nicht mehr so unbeschwert anschaue wie früher und somit sehe ich das Leid hinter einer glänzenden Fassade, was mich daran hindert, solche Dinge zu genießen.

Ich schreibe all das hier nieder, weil ich eben nicht immer der Spielverderber sein will. Ich will nicht öfter als ein oder zweimal die Woche auf verursachtes Leid hinweisen. Und das eigentlich auch nur dann, wenn es wirklich Dinge sind, die man wissen muss. Die man sich nicht einfach so denken kann. Wenn z. B. Gelatine in Gummibärchen ist, was nicht jeder weiß. Oder wenn Daunenfedern eben nicht nur von toten Vögeln genommen werden, sondern der Lebendrupf Gang und Gebe ist. Das wissen die meisten wirklich nicht. Woher auch, wenn man sich nicht ständig mit dem Thema befasst?

Ich will nicht die sein, der man irgendwann gar nichts mehr erzählt aus Angst, dass ich das dann wieder "schlecht rede". Aber vielleicht hilft es, dass Ihr von selbst drauf kommt, wenn ich das nächste mal wortkarg über solche Themen hinweg gehe.

Ich hab Euch lieb! Omni oder nicht. :)

22. Dezember 2014: Alles normal, oder? 

Ja, ich weiß, ein Blog sollte hin und wieder mal was Neues bringen, wenn er denn gelesen werden möchte. Und ich weiß, dass dies hier bei weitem nicht häufig genug der Fall ist. Aber, bei einem Thema wie Veganismus bleibt es nicht aus, dass es irgendwann normal wird, so zu leben. Dass man nicht mehr pausenlos darüber nachdenkt.

Ein Grund ist natürlich auch, dass ich mich im vergangenen Jahr sehr intensiv mit dem Schreiben anderer Literatur befasst habe und nun als Romanautorin Mona Silver tätig bin. Was es darüber zu wissen gibt, lest bitte auf meiner Autorenwebseite www.monasilverautor.com. Denn hier geht es ja ums Essen.

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Und da hat sich nicht viel geändert. Zunächst einmal: Ja, ich lebe immer noch vegan. Daran wird sich auch nichts mehr ändern. Ich höre oft von Leuten, die nach einiger Zeit "rückfällig" werden und anfangen, wieder "normal" zu essen. Aber warum ist das so?

Unabhängig von ethischen oder gesundheitlichen Gründen, sich vegan zu ernähren, erlebe ich, wie meine Ernährung zunehmend "normaler" für mich wird. Ich durchwühle nicht mehr pausenlos das Netz nach neuen Rezepten, koche meistens einfach blind mit den Zutaten, die ich zufällig da habe. So wie früher, bevor ich mich vegan ernährt habe. Denn jetzt weiß ich, wie es geht, denke nicht mehr in "wie kann ich Sahne ersetzen?", sondern tu es einfach. Weil das jetzt eben bei mir so ist.

Warum also schaffen es einige nicht? Liegt es daran, dass man nicht mehr weiter drüber nachdenkt und den eigentlichen Grund für die ursprüngliche Entscheidung aus den Augen verliert? Ich schaue mir heute auch nicht mehr täglich Bilder gequälter Tiere aus Massentierhaltungen an. Ich habe alle Bücher zu dem Thema gelesen, sie stehen jetzt unbeachtet im Regal, können mir nichts Neues mehr vermitteln. Ich weiß jetzt, welche Grausamkeiten es gibt, habe mich selbst so gut es geht aus dem System raus genommen und beschäftige mich hauptsächlich mit schönen und positiven Dingen. Wird man dadurch träge? Denkt man nicht mehr darüber nach und greift letztlich doch wieder nach den altbekannten Lebensmitteln?

Oder wird es mit der Zeit beschwerlich, immer die richtige Entscheidung beim Einkaufen zu treffen? Nicht einfach zugreifen zu können bei dem, was die Werbung besonders aggressiv und allgegenwärtig anpreist? Immer besonnen und nachhaltig zu handeln, sich damit auseinanderzusetzen, ob Menschen, Tiere oder Umwelt bei der Herstellung des begehrten Produkts gequält oder geschädigt wurden? Oft wird man durch andere darauf hingewiesen, dass dies oder jenes "aber auch nicht gut sei" und irgendwann hat man das Gefühl, dass alles, was man kauft, verwendet, braucht oder einfach nur haben möchte, irgendwo irgendwem auf der Welt schadet.

Wird es vielleicht im Laufe der Zeit zu anstrengend, sich immer wieder zu rechtfertigen und der komische Exot zu sein, der nicht alles essen kann bzw. will? Beim Betriebsausflug derjenige zu sein, der im Restaurant entweder nur einen Salat oder gar nichts auf der Karte findet, weil nicht dreißig andere Leute Rücksicht auf die eigene "Macke" nehmen und man nicht in einem veganen Restaurant landet? Oder bei der spontan ausgerufenen Weihnachtsfeier der Abteilung keine selbstgemachten Plätzchen und Stollen essen möchte, weil die nicht vegan sind und sich so unbeliebt macht, weil man die Liebe und Arbeit, die die nicht-veganen Kollegen da rein gesteckt haben, nicht zu schätzen weiß?

Wird man es eventuell müde, unterwegs nicht schnell was zu essen zu finden, wie alle anderen, die eben kurz Halt machen beim Dönerstand oder an der Wurstbude? Auf dem Weihnachtsmarkt auf Maronen und Pommes (wenn man ein Auge zudrückt und nicht nach dem Fett fragt, in dem sie frittiert wurden) reduziert zu sein?


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Meine Erfahrungen mit all dem lauten: Ja, es trifft oft genug all das zu. Aber nein, es bringt mich nicht dazu, mich wieder unvegan zu ernähren. Die vermeintlichen Vorteile für mich selbst wiegten das Leid der Tiere nicht auf, das ich damit verursachen würde, kehrte ich zu einer unveganen Ernährungs- und Lebensweise zurück. Ich nehme mich selbst nicht wichtig genug, um das Leid der Tiere aus eigennützigen Gründen akzeptieren zu können.

Immerhin gibt es auch positive Entwicklungen nach langjährigem Veganismus. Mittlerweile weiß jeder meiner Freunde, wie ich mich ernähre, warum das so ist und wie es funktioniert. Grundsatzdiskussionen, die es früher so gerne in meiner Gegenwart gab, werden immer seltener. Und ich genieße es, einfach wieder nur essen zu dürfen, ohne Rechtfertigungen darüber, warum und was ich esse.

Ein Leben als Veganer kann normal werden, ohne tausend vegane Diskussionsgruppen, in denen man von den Über-Veganern fertig gemacht wird, weil man zwar vegan lebt, aber Produkte mit Palmöl kauft oder die Fluor-Diskussion geführt wird, bis man nicht mehr weiß, ob man nun Fluor braucht oder nicht und ob es ein Gift ist oder nicht. Und nein, ich möchte diese Diskussion hier nicht lostreten. ;)

Es gibt sicher nichts, gar nichts, bei dem man nicht zweimal hinschauen und nachdenken kann, ob es richtig ist, es zu konsumieren oder nicht. Jeder muss soweit gehen, wie er es selbst für richtig hält. Das war - und ist noch immer - meine ureigene Meinung. Ich will niemanden bekehren, möchte aber auch nicht selbst ständig belehrt werden. Und das schönste daran, lange genug vegan zu leben, ist die Tatsache, dass es sich so normal anfühlt, dass man nicht mehr glaubt, es jedem mitteilen zu müssen. Dicht gefolgt von sich demjenigen gegenüber dann zu rechtfertigen. Ich lebe, ich esse, ich trinke, ich kaufe auch manchmal Kleidung. Wie jeder andere auch. Nur eben nach meinem eigenen Geschmack. Und das ist gut so.

Und so wird das auch in Zukunft bleiben. Mein Rat für alle, die mit ihrem Entschluss vielleicht ins Wanken geraten:

Trefft eure Entscheidungen, tut das, was für euch, eure Seele und hoffentlich sogar für Tiere und Umwelt gut ist, und lebt damit. Lasst euch nichts einreden, wenn es nicht eure ureigenste Meinung ist und wenn ihr mal einen Weg eingeschlagen seid, bleibt konsequent, auch wenn es mal schwieriger wird. Es kommt der Tag, an dem ist das alles normal!

Frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr! 
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