Freitag, 28. Juli 2017

Ich bin Samwell Tarly - oder warum Klischees für mich funktionieren

In vielen Diskussionen um Bücher, Filme oder Serien geht es um Klischees. Klischees sind bei den meisten verpönt, das will man nicht mehr lesen oder sehen.

Aber ist das wirklich so?

Ich oute mich mal: Ich mag Klischees. Sowohl die der Helden als auch die der Antihelden. Wenn ich lese oder einen Film schaue, dann möchte ich mich verlieben. Und ich möchte aus tiefstem Herzen hassen dürfen. Ich möchte keine komplizierten Menschen in komplizierten Filmen sehen oder tiefgründig psychologische Studien über die Protagonistinnen in Büchern anstellen. Kurzum: Die Realität darf für mich gerne draußen bleiben.

Ich denke auch meistens gar nicht darüber nach, warum mir welche Protagonisten besonders gut gefallen, ich liebe sie oder ich hasse sie. Die Plotline des einen begleite ich lieber als die des anderen und ich freue mich auf jede Szene mit meinem Lieblingsprotagonisten. Wen interessiert's da, warum das so ist? Ich lasse mich einfach gerne verzaubern ohne zu analysieren. Und ich glaube, damit bin ich nicht allein, denn sonst würden erfolgreiche Bücher und Hollywood nicht immer noch so sehr auf Klischees bauen und sie für ihre Zwecke nutzen. Auch wenn es nicht cool ist, Klischees zu mögen, sie bewegen irgendetwas in uns. Sie packen uns genau da, wo unsere Gefühle sitzen, wo wir uns selbst wiedererkennen oder wo unsere Sehnsüchte sitzen.

Vor kurzem brachte mich ein Facebook-Kommentar auf die Gedanken, die zu diesem Artikel führten. Jemand betonte, dass er Samwell Tarly aus Game of Thrones nicht möge, weil diese Figur viel zu klischeehaft sei. Genau wie Jon Snow. Ich war entsetzt. Meine beiden Lieblinge?



Für alle, die Game of Thrones nicht kennen:
Samwell Tarly ist ein dicklicher, ängstlicher und hoffnungslos unsportlicher Sohn aus gutem Hause, dessen Vater ihn enterbt und zum Militärdienst der Nightwatch verbannt hat. Samwell liest Bücher, wenn andere mit ihren Schwertern trainieren, und wer ihn zum Freund hat, kann sich seiner Loyalität und Treue sicher sein.

Jon Snow ist der uneheliche Sohn eines Lords, der grüblerische, rechtschaffene, heldenhafte und in jeder Lebenslage gut aussehende Typ mit der schwierigen Kindheit, den nicht einmal der Tod zu entstellen vermag.

Soweit, so klischeehaft. Ja. Ich gebe zu, wenn ich anfange drüber nachzudenken, ist das Klischee pur.

ABER: Ich selbst finde mich in Samwell Tarly wieder: Gesetzt den theoretischen Fall, dass ich so wie er in den Dienst der Nightwatch gestellt würde, würde ich kein bisschen anders reagieren. Vermutlich eher noch weniger heldenhaft. Ich hätte Angst vor den Brüdern der Nightwatch, Angst vor dem Kämpfen, Angst verletzt zu werden, Angst zu sterben und Angst, nicht genug zu Essen zu bekommen. Ich wäre so unsportlich, dass mich alle meine Kollegen auslachen würden, und wenn sich jemand um mich kümmern und mir helfen würde, wäre ich ihm die beste Freundin, die er sich wünschen könnte. Ich würde mich wie Sam in die Bibliothek verkrümeln und hoffen, dass man mich dort nicht findet, während ich von den fernen Welten und Abenteuern aus meinen Büchern träume.



Jon Snow ist der Typ, in den sich das Girlie in mir verlieben kann. Zu ihm darf ich aufsehen, er wird mich schon beschützen gegen alle Feinde und Widrigkeiten. Und gleichzeitig kann ich mir einbilden, die Frau seiner Träume zu sein, ihn aus seiner Grübelei herauszuholen, für ihn die eine zu sein, die ihn glücklich macht. Natürlich weiß mein realistisches Ich, dass ich das ganz sicher nicht sein werde. Ich bin ja auch schon der feige Sam. ;) Aber Fakt ist, ich darf mich verlieben, dafür ist Jon da. Die Filmmacher haben ihn genau dafür erschaffen, dass sich die Zuschauerinnen in ihn verlieben. Das ist seine Aufgabe.

Ist das nun schlecht? Ist das schlechte Erzähltechnik? Ist die Geschichte in einem Buch deswegen Schund, weil der Autor mit Hilfe von bekannten Triggern mit den Gefühlen seiner Leser spielt? Ich finde nicht. Ich finde das sogar sehr clever. Denn es ist nicht so leicht, diese Klischees zu seinem eigenen Vorteil so geschickt zu nutzen, dass die Leserinnen das gar nicht merken.

Ich glaube auch, dass vor allem diejenigen so etwas kritisieren, die selbst schreiben (oder Filme drehen), denn diese Leute haben gelernt, Protagonisten zu analysieren. Sie durchschauen die verschiedenen Charaktere, weil sich diese Figuren an bestimmte Regeln halten müssen, um sich in der Geschichte weiterentwickeln zu können. Den "normalen Leser" kümmert das nicht. Er möchte einfach nur unterhalten werden. Und so entsteht "Mainstream".

Bevor ich selbst mit dem Schreiben angefangen habe, habe ich mich vorbehaltlos von der Geschichte forttragen lassen, sie genossen bis sie zu Ende war, mich in Protagonisten verliebt und Herzschmerz verspürt, wenn ich den Buchdeckel am Ende des Buches wieder zuklappte.

Seit ich selbst schreibe, habe ich angefangen zu analysieren, was mir in vielen Fällen den Genuss des Lesens verdirbt, denn ich kann nicht mehr anders als die Heldenreise der Protagonistinnen auseinanderzunehmen und zu überlegen, ob sie dies oder jenes nur tun, weil der Autor ein bestimmtes Ziel verfolgt.

Bei Filmen und Serien kann ich diese Macke zum Glück ausschalten, nicht zuletzt, weil die Filmemacher es wort- und bildgewaltig schaffen, mich aus der Realität abzuholen und in die Handlung der Geschichte hineinzuziehen. Und darum liebe ich Klischees, denn sie schaffen die Traumtypen, die es im echten Leben nicht gibt.



Natürlich haben auch Geschichten ohne Klischees eine Daseinsberechtigung, sie können zum richtigen Zeitpunkt gelesen genauso spannend und unterhaltend sein. Aber wie bei den meisten Dingen glaube ich persönlich, dass beides seine Vorteile hat und beides genossen werden darf. Ohne schlechtes Gewissen und ganz ohne Wertung.

Was mich unterhält, erfüllt seinen Zweck, egal wie es das schafft. Und so werde ich mich auch weiterhin in grüblerische Helden mit schwerer Kindheit verlieben und mich selbst in dem gemütlichen dicken Freund wiederfinden. Denn das ist Mainstream. Und das heißt nicht, dass es schlecht ist, sondern nur, dass es sehr, sehr viele Menschen mögen und es offensichtlich einfach funktioniert.

Wie geht es euch mit Klischees? Mögt Ihr Geschichten, die sich ihrer bedienen oder braucht Ihr realistische Charaktere mit Ecken und Kanten, die auch mal etwas merkwürdig anmuten oder unsympathisch sein können?

Kommentare:

  1. Liebe Mona, da hast du ja tapfer gegen die „Intellektualisierung“ der Belletristik angeschrieben. Ich teile deine Meinung, möchte jedoch noch eine Bemerkung dazu machen: Ich mag auch die „zweiten Charaktere“ hinter den Alpha-Protagonisten. Also Sam Gamdschie in „Herr der Ringe“, Scott in „Verlassener Stern“ das Nörggele in „Die Geschichtenerzählerin“. Figuren, die Raum lassen für die eigene Fantasie und Potential haben für eine eigene Geschichte…

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lieber Frank, da Sam Tarly für GoT das ist, was Sam Gamdschie für HdR war, passt das in der Tat sehr gut. Beide sind Nebenfiguren, die so eine starke Persönlichkeit mitbringen, dass sich die Zuschauer gleich angesprochen fühlen. Jedenfalls die, die Klischees mögen. Wir haben wohl den gleichen Geschmack. LG Mona

      Löschen