Samstag, 29. Oktober 2016

Warum stehen Frauen auf Blutsauger?

Vor einiger Zeit erhielt ich eine Mail von einem Leser. Einem männlichen Leser. Ich gebe zu, als ich Verlorener Stern herausbrachte, hatte ich nie damit gerechnet, dass überhaupt je ein Mann dieses Buch lesen würde. Die meisten Männer, die ich kenne, finden Geschichten wie die rund um meine Bo’othi zu kitschig, zu romantisch, Mädchenkram eben. Umso überraschter war ich, als ich feststellte, dass ich mit Verlorener Stern trotz allem männliche Leser begeistern konnte.

Zunächst einmal vorab für alle, die meine Bücher noch nicht kennen und die nicht wissen, wer oder was die Bo’othi sind: Sie sind - keine - Vampire. Um es mit ihren eigenen Worten zu sagen:

"Wir sind Träger Alter Seelen des Bo’othi Volks.
Erst die Fantasie Unwissender machte Vampire aus uns."

Trotz allem, die Bo’othi trinken das Blut der Menschen. Nicht zum Vergnügen, auch nicht aus Aggression oder Lust. Aber im Blut der Menschen wird die Energie des Sternenlichts gespeichert und in Notsituationen kann diese Tatsache einem Bo’othi das Leben retten. Die meisten von ihnen vermeiden es, in solche Situationen zu geraten, aber wie das Leben so spielt, irgendwann sind alle Möglichkeiten vertan und es bleibt nur ein Ausweg.

Aber zurück zu meinem Leser, nennen wir ihn "Holger".  Der hat gerade die Novelle SternRegen gelesen und ist erschrocken, denn das Thema Bluttrinken spielt hier eine größere Rolle als in Band 1. Holger hat nun Angst, dass aus den Bo’othi doch noch "echte" Mädchenbücher werden und er fragt, was es denn eigentlich sei, was Frauen am Bluttrinken so fasziniere.

Zum einen konnte ich ihn beruhigen. Nein, die Bo’othi bleiben, was sie sind, sie werden nicht zu blutrünstigen Vampiren, die sich blutbesudelt in den Laken wälzen und Menschen leer trinken. Die Novelle ist ja sozusagen ein Roman unter dem Mikroskop, auf engstem Raum und in kürzester Zeit muss es spannend, dramatisch, gefährlich und auch romantisch werden. Da bot sich das Thema einfach an. Band 2 wird wieder mehr wie Band 1, das Bluttrinken kommt vor, wird immer vorkommen, aber es ist nicht Hauptbestandteil der Geschichte.

"Es gibt keine Vampire. Wir fanden eher zufällig heraus, dass Menschenblut
unser Leben retten kann. Eigentlich trinken wir die Energie unserer Heimatsterne."

Aber was ist es denn nun, was wir Frauen an allem Vampirähnlichen und an der Tatsache, dass diese Wesen unser Blut trinken, so mögen? Ich habe mir ein paar Gedanken darüber gemacht - ohne dabei einen Anspruch auf Wissen zu haben. Ich habe de facto keine Ahnung, ich kann nur aus meinem eigenen, persönlichen Empfinden heraus sprechen, das ich als Leserin und Autorin dabei habe:

Blut ist für mich per se nichts Ekelhaftes, es ist auch nicht zwingend mit Gewalt verbunden. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes unser Lebenssaft, das, was unser Leben, Atmen, Denken und Träumen überhaupt erst möglich macht. Wir Frauen bluten monatlich und beim ersten Mal, wir gebären unter Blut unsere Kinder, kurzum, wir bluten fast unser ganzes Leben, es gehört für uns dazu. Und dabei hat es nichts mit dem Tod zu tun, nichts mit Splatter-Horror oder Gefahren. Unser Blut (oder das der Protagonistin, in die wir uns hineinversetzen) steht für Leben. Wenn ein Vampir es trinkt, schenken wir Leben. Gleichzeitig lassen wir eine Intimität zu, die normalerweise zu Fremden nicht entsteht. Niemand von uns zögert, das eigene Blut vom verletzten Finger abzulecken, bei der Wunde am Finger eines Fremden aber schon. Denn dazu gehört Vertrauen, Liebe, die Bereitschaft, denjenigen ganz nah an sich ranzulassen. Der Fremde oder dessen Blut könnte für mich gefährlich sein, lasse ich es trotzdem zu?

Für mich ist es das Bild, die Metapher, die das Blut somit darstellt. Wie groß ist das Vertrauen, das ich für den anderen empfinde? Wie groß ist meine Risikobereitschaft?

Ist das Blutsaugen an sich sexy? Nein, für mich nicht. Es ist eher die mystische, bildhafte Sprache, die mich anspricht und darum wird es bei den Bo’othi auch immer wieder solche Szenen geben. Denn dieses Volk wurde aus der Idee der Vampire heraus geboren, sie bilden das Fundament für meine Geschichten.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen