Montag, 6. Juni 2016

Plagiate, Pöbel, Popcorn

Foto (c) Pixabay

Es ist schon wieder passiert. Am Wochenende wurde ein weiterer Plagiatsfall aufgedeckt. Der Täter diesmal ein Sechzehnjähriger, der zu allem Übel auch noch die wenig clevere Idee hatte, bei Büchern wie Stephenie Meyers Twilight und ähnlich bekannten Werken abzukupfern. Ganze Textpassagen wurden in leicht veränderter Form übernommen.

Das ist dumm. Das ist dreist. Das ist vor allem auch eine Straftat. Dass es auffiel, war nicht nur zu erwarten, sondern auch nötig, denn die Urheber der Texte sollen und müssen ihr Recht auf die eigenen Werke geschützt wissen. Doch dann geschieht, was erst seit dem Internet so üblich ist. Ein Shitstorm bricht los. Jeder verkündet seine Meinung zu dem aktuellen Fall. Schreit dem Täter virtuell seine Meinung ins Gesicht.


Wir haben alle mal Mist gebaut


Aber haben wir nicht alle mal richtig Mist gebaut, als wir jung waren? Der Sohn von Freunden hat einmal als Teenager in der Scheune eines benachbarten Bauern gezündelt und diese fast abgefackelt. Da war der Teufel los. Es gab mächtig Ärger. So richtig. Der Junge musste ein Jahr lang für den Bauern arbeiten, um den Schaden zu bezahlen. Sein Vater ist fast durchgedreht vor Wut. Die Mutter war unendlich enttäuscht. Aber: Es blieb in der Familie und im engsten Freundeskreis. Die Strafe war hart, aber gerecht, sie musste sein. Gegenüber Fremden blieb das ganze mehr oder weniger unerwähnt, es wurde in der Öffentlichkeit nicht drüber gesprochen und selbst der betroffene Bauer hat am Ende Frieden mit dem Jungen geschlossen. Es war halt noch ein dummer Junge und hat aus seiner Tat dank der gerechten Bestrafung gelernt.

Heute wird da keine Rücksicht mehr drauf genommen. Die ersten Leser bekunden ihren Unmut. Zu Recht und in gemäßigter Ausdrucksweise. Doch dabei bleibt es leider nicht. Gegenseitig wird sich hochgeschaukelt, immer häufiger treffen die Kommentare weit jenseits der Grenze zum guten Geschmack ins anvisierte Ziel. Dass wir in einem Rechtsstaat leben, in dem es nach einer gerechten Verhandlung zu einem Urteil und einer Strafe kommen sollte, ist egal. Selbstjustiz ist in. Der Pöbel geht auf die Straße und bewirft den mutmaßlichen Täter öffentlich mit faulen Eiern und fordert das virtuelle Abhacken von Händen oder besser noch gleich Köpfen.

Ich will faire Verhandlungen und gerechte Strafen


Man möge mich nicht falsch verstehen. Ich befürworte nicht, was der Knabe getan hat. Aber ich möchte eine faire Verhandlung und eine gerechte Strafe unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ich will keine erwachsenen Menschen, die in den sozialen Medien auf einem Täter herumhacken, weil es sich hinter der Tastatur so herrlich aufplustern lässt.

Der junge Mann, um den es ging, versuchte sich zu entschuldigen. Zugegebenermaßen sehr ungelenk und mit völlig falschen Worten und Versprechungen. Aber man stelle sich doch bitte mal vor, wie er sich fühlt. Wie war das damals, als die Flammen an der Scheune hochzüngelten und dem jugendlichen Brandstifter bewusst wurde, dass er die Kontrolle darüber verloren hatte? Das Herz rutschte ihm in die Hose, der Kopf wurde ganz leer und der Magen wurde mulmig. Er hatte Angst vor der Strafe, vor den Konsequenzen für sein Tun, denn die Menschen, die ihm nahe standen, waren von ihm enttäuscht worden. Das will keiner in diesem Alter. Er musste seine Strafe annehmen und sich sicher auch einige Zeit von seinen Eltern Vorwürfe anhören. Doch er musste keine Angst davor haben, am nächsten Tag in der Schule von Mitschülern als Feuerteufel bezeichnet zu werden.

Das gibt es erst, seitdem alles, was wir tun, im Internet breitgetreten wird. Jeder große und kleine Fehler, jedes Wort, wird auf die Goldwaage gelegt. Auch die, die vielleicht mit klopfendem Herzen und klammen Fingern verfasst werden, um den Kopf in letzter Minute aus der Schlinge zu ziehen. Und ist nicht auch das erst mal normal? Hat nicht auch der zündelnde Nachbarsjunge vermutlich nicht erst mal versucht, eine Ausrede zu finden, um der Strafe zu entkommen? Einziger Unterschied: Er hat es nicht öffentlich tun müssen.

Es wird viele geben, die jetzt schimpfen, dass der Plagiator ja auch mit den Büchern an die Öffentlichkeit gegangen ist. Aber auch das ist nur ein Ergebnis des Web 2.0. Früher hätte er vielleicht gepanschte Zitronenlimonade an die Nachbarn verscherbelt. Die hätten kurz geschimpft, ihr Geld zurückverlangt, keine Limonade mehr bei ihm gekauft und die Sache wäre erledigt gewesen.

Ich will nicht Teil des Mobs sein, der ein Leben zur Hölle macht


Ich bin für eine gerechte Strafe. Ich will, dass die Plagiatsbücher vom Markt genommen werden. Ich verlange, dass die Eltern und die Richter sich der Sache annehmen und dem Jungen Vernunft einbläuen. Aber ich will nicht Teil des Mobs sein, der sein Leben zur Hölle macht und vielleicht Schuld daran ist, dass er nie wieder genug Selbstvertrauen aufbringt, sein Leben zu meistern. Cyber-Mobbing nennt sich das. Zu meiner Zeit gab es das noch nicht, und ich bin froh darüber.

Vielleicht ist gerade dieser Täter jetzt nicht so sensibel. Vielleicht aber doch. Ich kenne ihn nicht. Die meisten kennen ihn nicht. Man sieht nur das Foto eines hübschen Jungengesichts auf einer Facebookseite. Vielleicht ein paar coole Sprüche dazu. Aber wir alle stellen uns in den sozialen Medien nur selbst dar. Keiner von uns zeigt sich von seiner unattraktiven Seite.

Also lasst es verdammt nochmal gut sein! Er erhält seine gerechte Strafe. Und lernt daraus. Bleibt weiter aufmerksam, wenn es darum geht, Plagiatoren aufzudecken. Und ganz ehrlich: Wenn es erwachsene Plagiatoren sind, die eigentlich über genug gesunden Menschenverstand und Gerechtigkeitsgefühl verfügen sollten, dann deckt sie auf, klagt sie an. Aber macht keine Hetzjagd daraus. Nennt den Namen öffentlich, damit nie wieder jemand Geld für die Werke dieser Schwindler ausgibt, aber verbrennt sie nicht auf dem Scheiterhaufen auf dem Marktplatz des Internets.

Gemäßigtes Handeln ist manchmal so viel wirksamer, und so viel menschlicher. Warum können wir das im Internet nicht mehr?



Kommentare:

  1. Wahre Worte. Ich selbst habe von dem Shitstorm oder der Entschuldigung nichts mitgekriegt, nur vom Plagiatsfall gelesen. Mir stößt es auch immer sehr übel auf, dass im Internet keine Grenzen gekannt werden und Dinge herausposaunt werden, die man dem anderen von Angesicht zu Angesicht wohl nie so entgegenschleudern würde. Mich machen Plagiate auch wütend, aber ein gemäßigtes Handeln ist mir auch lieber als wie ein wütender Mob vorzugehen.

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    1. Genau das meine ich. Ich will keine Straftat schön reden, jeder sollte seine gerechte Strafe erhalten, aber dieses öffentliche drauf dreschen ist mittelalterlich...

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