Samstag, 5. März 2016

Leben mit Betty Rumpel

Eine Streunerin findet ein neues Zuhause

- wie aus einem Gartentiger Betty Rumpel wurde

Betty Rumpel
Es ist jetzt gut drei Monate her, dass Betty, die Straßenmieze, zum ersten mal auf meiner Schwelle
auftauchte. Manchmal kommt es mir so vor, als sei sie schon Jahre bei mir, ein anderes Mal überrascht sie mich mit etwas, das mir zeigt, dass wir noch immer in der Kennenlernphase sind. Ich erwische mich dabei, wie ich sie mit Jimmy vergleiche und von seinem auf ihr Benehmen schließe, obwohl die beiden doch so unterschiedlich sind wie Tag und Nacht.

Für alle, die unsere Geschichte noch nicht kennen, eine kurze Zusammenfassung:

Bettys Einzug


Am 22. September verlor ich meinen Kater Jimmy nach 16 gemeinsamen Jahren und war fest davon überzeugt, dass ich kein weiteres Haustier mehr haben wollte. Das Leben ist so viel einfacher ohne... Zwei Monate lang redete ich mir selber ein, dass ich das schaffe. Dann stand auf einmal das kleine Gartentigerchen mit dem schwarzen Auge auf meiner Terrasse. Sie spazierte mehr oder weniger unaufgefordert in meine Wohnung, legte sich auf die Couch und beschloss zu bleiben. Alle Versuche, mögliche Besitzer zu finden, blieben erfolglos, Betty kam und ging wie es ihr gefiel und zum Schluss ging sie nur noch für kurze Zeit, ehe sie gleich wieder ins warme Nest zurückkehrte, in dem das rote Sofa so herrlich weich war. Der Besuch beim Tierarzt bestätigte, dass sie keinen Chip trug, dafür aber ein paar hüpfende Unterbewohner im Pelz, denen es augenblicklich an den Kragen ging. Betty Rumpel erhielt einen Haustierausweis auf ihren Namen (eine phonetische Buchstabenspielerei von Tabby, also englisch für Tigerkätzchen und Rumpel, weil sie sich manchmal etwas rumpelig benimmt) und alle notwendigen Impfungen. Das dunkle Auge wurde als Schönheitsmerkmal diagnostiziert, eine Laune der Natur, die ihre Iris pigmentiert. Und damit war meine Zeit ohne Tier Geschichte und unsere Partnerschaft besiegelt.

Wir müssen uns beide aneinander gewöhnen


Zu Beginn war Betty sehr liebebedürftig. Sobald ich mich irgendwo hinsetzte oder legte, lag sie auf mir. Auf der Couch, im Bett, auf dem Sessel. Betty brauchte Streicheleinheiten und ich war mehr als bereit, sie ihr zu geben.

Sie schien auch immer hungrig zu sein. Die Futtersorten waren ihr egal, Hauptsache es gab zu fressen und ich hatte zunächst Angst, ich würde in die Falle tappen, sie zu überfüttern. Es war faszinierend zu sehen, wie die Dosen Katzenfutter in ihr verschwanden und sie immer noch Hunger zu haben schien. Da die Tierärztin sie zum BKH-Mix erklärt  und ihr Gewicht von 4,1 kg als völlig normal eingestuft hatte, schob ich ihre kompakte Erscheinung auf das Merkmal der kurzbeinigen und rundlichen British Kurzhaar Rasse und ließ sie sich richtig satt fressen.

Erst nach drei Wochen schien sie mir zu glauben, dass Futter nun regelmäßig kam und wurde wählerischer. Da wurde auch schon mal das ein oder andere Angebot mit verächtlichem Gesichtsausdruck verschmäht. Eine Zeitlang probierte ich alle möglichen Futtersorten durch, einerseits wollte ich hochwertiges Futter geben, andererseits sollte es ihr natürlich auch schmecken. Inzwischen haben wir zwei bis drei Sorten gefunden, die ihr zu gefallen scheinen. Was sie nicht mag, ist abgestandenes Futter aus einer einmal geöffneten Dose. Daher gibt es nur Portionsbeutel, die mit einer Mahlzeit verdrückt werden. Man lernt ja dazu.

Auch ihre Bereitschaft zu Kuscheln hat nachgelassen, jetzt wo sie sich meiner sicher ist. Natürlich gibt es noch immer die gemütlichen Momente zu zweit, wo sie zu mir kommt und sich kraulen lässt. Doch so anhänglich wie zu Beginn ist sie nicht mehr. Nachts schläft sie jetzt heimlich in meinem Bett. Kommt, wenn ich bereits schlafe und ist schon verschwunden, wenn ich aufstehe. Ich bemerke es natürlich trotzdem, tue aber so, als sei dem nicht so. Das Gästezimmer ist ihr Lieblingsort zum Schlafen. Und der Kratzbaum im Wohnzimmer.

Die Königin der Mäusefänger


Seit es nicht mehr so kalt ist, ist sie auch wieder häufiger draußen. Dank Katzenklappe kann sie kommen und gehen, wie es ihr gefällt. Leider stellte sie sich als Königin der Mäusefänger heraus und beschenkt mich reichlich. Meine Fähigkeiten, lebende Mäuse zu fangen, werden nahezu täglich verfeinert. Kein Trick, den ich nicht kenne und schon angewandt habe. Mäuse am Schwanz packen und raus befördern? Check! Lebendfallen so ausstatten und aufstellen, dass sie garantiert gefunden werden? Check! Mäuse in Schuhen einfangen und raus tragen? Check! Mäuse in ganzen Möbelstücken fangen und raus bringen? Check. Ich frage mich manchmal, ob es immer die gleichen Mäuse sind, die Betty abwechselnd rein- und ich raus schaffen. Leider überleben nicht alle Bettys Katz- und Mausspiel ehe ich eingreifen kann und enden tot auf meinem Teppich. :( Damit ich wenigstens in der Nacht meine Ruhe habe, wird die Katzenklappe jetzt am Abend dicht gemacht und erst morgens wieder geöffnet. Somit hat Betty Stubenarrest. Was sie klaglos hinnimmt.

Damit kommen wir zu einer ihrer größten Charakterstärken. Sie nimmt die Dinge, wie sie sind. Nichts scheint diese Mieze aus der Ruhe zu bringen. Bleibt die Klappe zu, legt Betty sich halt zum Schlafen hin. Tierarztbesuche werden mit stoischer Ruhe hingenommen und zum eigenen Vorteil genutzt, sind da doch ein paar Hände mehr, die ihr den Pelz kraulen. Der Transport im Tragekorb läuft so entspannt, dass ich als Katzenmama völlig hin und weg bin, dass das auch ohne Panikattacken und Wutgeschrei geht. Manchmal frage ich mich, ob sie in meiner Abwesenheit vielleicht zum Yogakurs geht oder Buddhistin ist. Sie ist nie unausgeglichen, böse, genervt oder gelangweilt. Sie macht aus allem das Beste.

Leben auf der Straße macht intelligent.


Eine weitere grandiose Eigenschaft ist ihre Fähigkeit, die Dinge schnellstens zu begreifen. Das Leben auf der Straße hat sie klug gemacht. Oder sie war schon klug und hat darum überlebt. Jedenfalls lernt sie alles in nur wenigen Minuten, vorausgesetzt, es ist für sie von Vorteil, es zu beherrschen. Dass man durch die Katzenklappe ins Haus kommt z. B. hat Jimmy nie gelernt. Er blieb vor der herunterhängenden Klappe stehen und wartete, bis ich sie aufdrückte. Nun war er auch schon ein paar Jahre älter, als er zum ersten Mal mit einer solchen Technik konfrontiert wurde. Ich habe es ihm nachgesehen. Betty, die mit ihren geschätzten vier Jahren noch im besten Alter ist, musste nur zweimal dem Spielzeug hinterher springen, schon wusste sie, wie das mit der Klappe funktioniert.

Dass die Klappe jetzt neuerdings nachts zu bleibt, hat sie auch schnell begriffen. Schon am zweiten Morgen wusste sie, wenn ich aufstehe, geht die Klappe wieder auf.

Wenn ich ihr nach dem Füttern von Leckerlis die Handflächen meiner leeren Hände hinhalte, weiß sie sofort, nix mehr da und zieht von dannen.

Wenn ich mit dem Laserpointer mit ihr spielen will, ignoriert sie den Lichtpunkt völlig und schaut direkt auf meine Hand. Sie weiß, wer dahinter steckt.

Wenn sie auf den Küchentisch springt und ich auf den Boden zeige, weiß sie genau, was ich will. Natürlich wird das positive Verhalten durch Leckerlis bestärkt.

Für unsinnig und überflüssig hat sie Fummelbretter erklärt. Der Sinn dieser Erfindung, mit der Jimmy sich stundenlang beschäftigen konnte, entzieht sich ihr völlig. Warum Leckerlis mühsam mit der Pfote aus irgendwelchen Schachteln fummeln, wenn man sie auch gleich aus dem Fressnapf holen kann? Die Versuche, sie dafür zu begeistern, wurden mit einem katzenhaften Grinsen belächelt und pflichtbewusst ignoriert.

Betty verliert nie den Boden unter den Pfoten


Was ich sonst noch über sie gelernt habe? Sie ist keine große Springerin und klettert nicht gern. Sie springt kaum auf Möbel, war noch nie auf der Küche oder höheren Schränken. Einzige Ausnahme ist der Tisch, auf dem die Leckerlis stehen. Aber hey, sie ist ja immer noch eine Katze, nicht wahr? Der 1,80 Meter hohe Kratzbaum wird nur bis zur Hälfte genutzt. Die oberen Liegeflächen bleiben ungenutzt. Vögel sind demzufolge auch vor ihr in Sicherheit. Betty steht mit allen vier Beinen im Leben und hält Bodenkontakt.

Spielen mit dem Federpuschel und diversen Decken und Folien

Den Sinn von Fellmäusen versteht sie nicht. Wozu denen nachjagen, wenn sie ja doch nur leblos liegen bleiben? Viel besser sind da knisternde Spieldecken und Luftpolsterfolien, unter denen sich ein Federpuschel versteckt. Beim Spielen nimmt sie keine Rücksicht auf Verluste und wirft sich mit vollem Körpereinsatz ins Vergnügen.

Baldriankissen sind toll. Ein abendliches Ritual umfasst das ausgelassene Abschlecken, Ansabbern, Umklammern und Beißen in das wohlduftende kleine Säckchen. Immer wieder weggeräumt und abends als alter Bekannter wieder hervorgezaubert, verliert es nie an Attraktivität.

Noch immer gibt es Ecken in der Wohnung, die sie nicht kennt. Wenn eine Schranktür zum ersten Mal aufgeht, wird das dahinter liegende Reich sofort erkundet. Überall wird mal die Nase reingesteckt und untersucht, was es dort gibt. Jede Schublade, jede Tasche, jedes Schrankfach wird einer gründlichen Inspektion unterzogen. Einmal gesehen, gehört es zum Revier und muss nicht weiter beachtet werden. So erobert sie sich Stück für Stück ihr neues Zuhause.

Wir reden miteinander


Am Anfang hat sie kaum miaut. Sie schnurrte, wenn es ihr gut ging, aber ansonsten kam kaum ein Laut über ihre Lippen. Mittlerweile hat sie gelernt, dass wir Menschen ein bisschen dumm sind. Jedenfalls was das Lesen von Körpersprache angeht. Also miaut sie jetzt. Wenn sie Hunger hat, wenn sie spielen will und auch einfach nur so, um hallo zu sagen. Sie ist der beste Beweis für die These, dass das Miauen eine Form der Kommunikation ist, die erwachsene Katzen sich für die Menschen aufheben. Nachdem sie es jahrelang nicht gebraucht hat, kommt diese Sprache nun wieder zum Einsatz und ihr zartes Stimmchen gibt kund, wenn ihr etwas fehlt.

Zartes Stimmchen hin oder her, wenn die Nachbarkatze zu Besuch kommt, wird aus dem kleinen, unschuldigen Miau ein ausgewachsenes Knurren, Schreien und Fauchen. Piti, eine Maine Coon Mischlingsdame von imposanter Größe, wird in allen Facetten klar gemacht, dass sie ab sofort unerwünscht ist. Denn das hier ist jetzt Bettys Revier. Und das gedenkt sie gegen alles und jeden zu verteidigen. Da wird die kleine, gemütliche, freundliche Betty zur Furie. Und Piti? Die zieht kleinlaut den Schwanz ein und zieht ab. Sie versucht es zwar immer wieder, denn sie will doch eigentlich nur eine Freundin finden, aber Betty ist da resolut und gedenkt nicht, irgendetwas mit anderen zu teilen. Genauso schnell, wie sie im Kampfmodus ist, kommt sie auch wieder runter. Verschwindet der Eindringling, wird aus Betty wieder die sanftmütige, ausgeglichene Katze, die nichts aus der Ruhe bringt.

Ich denke, es gibt noch eine Menge, was wir voneinander nicht wissen und was wir nach und nach entdecken werden. Fakt ist, Betty hat mein Herz erobert und mich aus der selbst gewählten Einsamkeit geholt. Ja, das Leben ist einfacher ohne Haustier. Keine Mäuse jagen, kein Katzenklo reinigen, kein Futter ranschleppen, keine revierverteidigende Kampfkatze im Wohnzimmer. Aber auch keine Schmusestunden, kein Blick, der Steine zum Erweichen bringt und kein miautes Hallo beim Nachhausekommen.

Ein Leben ohne Katze ist möglich, aber sinnlos


Für Loriot war es der Mops, für mich ist es die Katze. Und das ist gut so.

Nichts ist schöner, als gemeinsame Kuschelstunden auf dem Sofa


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