Donnerstag, 12. November 2015

Vom Schreiben und Helfen

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Das kennt vielleicht jeder, eventuell sogar diejenigen, die nicht regelmäßig Texte in epischer Länge verfassen: Man schreibt und schreibt, und auf einmal weiß man nicht, wie ein Wort geschrieben wird oder ob da nun ein Komma hinkommt oder nicht. Natürlich kann man nun den Duden befragen, aber manchmal hat man keine Zeit, keine Lust, man findet die Lösung nicht auf Anhieb oder ist sich vielleicht nicht sicher, ob man sie richtig interpretiert. Ein einfacher Lösungsweg: Man postet den fraglichen Satz im Autorenforum oder in einer Facebookgruppe für gleichgesinnte Autoren, die ja praktischerweise immer nur einen Fingerzeig entfernt ist. In etwa sieht das dann so aus:

Hilfe! Wer kann mir sagen, ob vor dem "und" ein Komma steht? 
"Der Mond stand hell an einem sternenübersäten Himmel, eine leichte Brise strich über das Haar der glücklich Verliebten, jeder an den Lippen des anderen hängend, und zerrte an ihrer Kleidung, als wolle er sie ins Paradies ziehen."

Und dann passiert es: Der erste Kommentar beantwortet die Frage, die gestellt wurde und besagt, dass das Komma an der Stelle, an der ich es setzen wollte, richtig ist.

Super! Danke! 

Nun könnte ich schnell zu meinem Manuskript zurück und weiterschreiben. Doch schon kurz darauf taucht ein neuer Kommentar auf, der mir erklärt, dass ich das "auch ganz leicht selbst hätte herausfinden können, wenn ich denn die Kommaregeln beherrschte. Es folgt die entsprechende Regel gespickt mit Begriffen, die mir dumpf aus der Schulzeit bekannt vorkommen.

Alles klar. Merke ich mir für später und les mich mal ein. Danke! Zurück zum Manuskript. 

Aber halt, nun meldet sich jemand anderes zu Wort und erklärt, dass alles bisher gesagte nicht stimmt, weil dies nämlich die Ausnahme sei und an dieser Stelle kein Komma hingehöre.


"Der Mond stand hell an einem sternenübersäten Himmel, eine leichte Brise strich über das Haar der glücklich Verliebten, jeder an den Lippen des anderen hängend und zerrte an ihrer Kleidung, als wolle er sie ins Paradies ziehen."

Hm. Sicher? Soll ich es jetzt also wegmachen? 

Inzwischen ist die Germanistin der Gruppe hinzugestoßen und erklärt die Hintergründe dieser Kommaregel inklusive der geschichtlichen Entwicklung der Grammatik und ihrer linguistischen Besonderheiten im Deutschen mit abschließendem Hinweis auf die seit der Rechtschreibreform geänderten Ausnahmen.

Ich bin verwirrt und klicke höflich auf "gefällt mir", schiebe den Satz dann von mir und versuche, im Text weiterzukommen. Irgendwann muss sich die Lektorin drum kümmern.

Ein weiterer hilfreicher Mitautor kommt hinzu und schlägt mir zunächst einmal vor, dass ich den ganzen Satz ohnehin besser umstellen sollte. Der klingt so gestelzt, wie du das jetzt schreibst.


"Der Mond leuchtete hell am Sternenhimmel und eine leichte Brise strich über das Haar der glücklich Verliebten. Sie hingen an den Lippen des anderen und der Wind zerrte an ihrer Kleidung, als wolle er sie ins Paradies ziehen."


Ja, stimmt schon. Der klingt gestelzt, aber ich bin in der Rohfassung und es handelt sich um ein märchenhaftes Setting. Schönschreiben ist später dran. Aber danke.

Der Ratgebende ist nun enttäuscht, dass ich nicht gleich darauf anspringe, so scheint es. Jedenfalls fügt er in einem weiteren Antwortkommentar hinzu, dass ich mich ja nicht dran aufhalten müsse, wenn mir Leute, die etwas vom Schreibhandwerk verstehen, zu helfen versuchten. Das sei meine Entscheidung, jeder könne selbst bestimmen, ob er dazu lernen wolle.

Uff. Äh, ja, ehrlich, war so nicht gemeint. Ich hab nur grad nicht die Zeit ... 

Ein weiterer Kommentator schaltet sich ein und findet, der Satz seines Vorredners bedürfe in dieser Form noch ein wenig Umstellung, denn auch die Wahl der Adjektive ist an dieser Stelle nicht glücklich. Überhaupt, Adjektive sind gar nicht gut, das sagt dir schon jeder Schreibratgeber. Aus meiner leichten Brise wird Wind und aus meinen glücklichen Verliebten werden nun also verträumt dreinschauende Verliebte.


"Der Mond leuchtete hell am Sternenhimmel und der Wind strich über das Haar der sich verträumt  in die Augen sehenden Verliebten. Sie hingen an den Lippen des anderen und der Wind zerrte an ihrer Kleidung, als wolle er sie ins Paradies ziehen."


Ja, kann man sicher so schreiben, ich werde das ganze ja ohnehin noch ganz oft überarbeiten.


Eine weitere Kommentatorin meldet sich zu Wort, sie habe schon oft lektoriert, kennt sich da also aus. Das ganze Drumherum ist viel zu ausführlich. Das will kein Mensch lesen. Das musst du kürzen.



"Die beiden Verliebten ließen sich vom Wind ins Paradies ziehen."


Echt? Hm. Ich weiß nicht, was ist mit der Stimmung meiner Szene?

Das ist ja alles schön und gut, meldet sich nun der neuerdings bei einem Verlag untergekommene Jungautor zu Wort. Da fehlt aber die richtige Perspektive. Wir wollen im Kopf des Protagonisten sein, nicht von einem auktorialen Erzähler, der alles weiß und alles sieht, gesagt bekommen, was wir zu sehen und zu fühlen haben.


"Seine Lippen so dicht vor ihrem Gesicht nahmen ihr die Sicht. Sie spürte den Wind an ihrer Kleidung zerren, und fragte sich, ob er den Weg ins Paradies weisen könne." 


Ja, hab ich schon mal gehört, aber in meinem Buch ist es bislang die ganze Zeit so und Mainstream ist es schon gar nicht. 


Inzwischen habe ich drei Stunden damit verbracht, Kommentare zu lesen, zu beantworten, mich zu bedanken oder falsch verstandene Zusammenhänge aufzuklären. Die Hälfte meines Manuskripts habe ich mittlerweile zur Erklärung in weiteren Kommentaren veröffentlicht. Um endlich wieder an die Arbeit gehen zu können, versuche ich, das Thema zu beenden. Ich danke allen bisherigen Kommentatoren für ihre Hilfe und erwähne, dass sie mir sehr geholfen haben, ich jetzt aber allein weiter klar komme. Ich schalte das Internet aus.


Als ich am nächsten Tag die Benachrichtigungen für weitere Kommentare zu meinem Post finde, lese ich alle 268 Kommentare im Nachgang. Das kostet mich eine Stunde meiner wertvollen Zeit. Der letzte Kommentar schlägt folgenden Satz vor:

"Ihre aufgesprungenen Lippen kratzten rau über seine Wunde am Hals. Über ihr heulte der Sturm durch die dunklen Wipfel der Bäume, die in der tiefschwarzen Winternacht nur zu erahnen waren. Sie schlug ihre Fänge erneut in seinen Hals und riss ihn mit in die Hölle ihres Daseins als Kreatur der Nacht."
Facebook zeigt an, dass der Kommentar nach Veröffentlichung noch sechs mal bearbeitet wurde.

Fazit: Ein Text kann immer und immer und immer wieder überarbeitet werden. Manchmal wird er dadurch besser, manchmal auch nicht. Als Autor sollte man wissen, wann man auf einen Ratschlag hört und wann man auf sein eigenes Schreibgefühl hört. Und wer Fragen stellt, sollte Antworten nicht scheuen. Viele verschiedene Antworten.

Hinweis: Die Problemstellung ist frei erfunden. Ähnlichkeiten zu existierenden Problematiken und Foren sind pure Absicht.


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