Freitag, 19. Juni 2015

Trolle, Popcorn und die guten alten Zeiten

Die Technik ist eine Sache, der Umgang miteinander und die Auswirkungen auf die ständigen Berührungspunkte mit Fremden innerhalb der sozialen Medien eine andere.

Ich gebe zu: Mich strengen Facebook & Co. zunehmend an und immer häufiger drängt sich mir der Wunsch nach Abstinenz auf.

Schon zu oft geriet ich in Szenarien, die mich eigentlich nur aufregten, mir die Stimmung vermiesten und nichts dazu beitrugen, mir in irgendeiner Weise von Vorteil zu sein. Sei es nun auf emotionaler oder geschäftlicher Ebene.

Bestes Beispiel: Facebook-Gruppen. Kein Tag vergeht, an dem in Gruppen keine hitzigen Debatten geführt werden, wo Leute der Dummheit bezichtigt oder als unhöflich bezeichnet werden, die vielleicht lediglich so schreiben, wie sie denken. Ehrlich und ohne "politische Korrektheit". Ich meine damit keine ketzerischen Neonazis oder bösartigen Tierquäler oder menschenverachtende Individuen. Ich meine Leute, die einen Witz machen, über den sie und ihre Freunde herzlich lachen, der dann aber irgendwem in der Gruppe in den falschen Hals kommt und einen Riesentumult auslöst. Da wird sich dann beschimpft und angegangen, gegnerische Seiten positioniert und Machtkämpfe ausgefochten. Die Friedensbemühungen kleiner Stimmchen von harmonieliebenden Zeitgenossen werden geflissentlich überhört und zu guter Letzt endet das ganze damit, dass erboste Diskussionsteilnehmer die Gruppe verlassen, Personen sich gegenseitig blocken oder gar melden und andere mit Popcorn-Bildchen bekanntgeben, nur noch auf der Zuschauerbank sitzend das große Kino zu genießen.

Foto: OpenClipartVectors @ Pixabay

Mich ermüdet das. Das scheinbar unstillbare Verlangen vieler Zeitgenossen, anderen Menschen die eigene Meinung nicht nur mitzuteilen, sondern sozusagen virtuell einzubläuen, notfalls auch mit Gewalt, geht mir furchtbar auf den Zeiger. Meistens gehöre ich zu denen, die vorzeitig die Diskussionsrunde verlassen, Benachrichtigungen abschalten und ja, ich habe auch schon Gruppen daraufhin ganz verlassen. Allerdings ohne den obligatorischen "das wird mir hier zu bunt, ich gehe"-DrohMeckerMotz-Post, den einige noch hinterlassen, um dann erneut eine Diskussion anzuheizen.

Trotzdem ist es in diesem Moment bereits passiert. Mein Kopf schwirrt, ständig überlege ich mir Formulierungen, wie ich diesem oder jenem Kommentar gegenüber hätte parieren sollen oder was ich vielleicht besser gar nicht erst geschrieben hätte, um niemandem auf dem Schlips zu treten. Stundenlang bin ich wie gelähmt und kann an nichts anderes mehr denken, als an diese so überflüssige Diskussion, die weder die Welt zu einem besseren Ort, noch mich zu einem anderen Menschen macht.

Es gibt noch ein Szenario, dessen Zeuge ich bereits bei mehr als einer Facebookgruppe werden durfte. Die Gruppe ist nett, man versteht sich, man postet ein paar Sachen, macht vielleicht ein paar gemeinsame Aktionen, diskutiert angeregt und ohne belehrende Finger. Bis zu dem Tag, an dem Person X eine Mitgliedsanfrage stellt und die Gruppe von Anfang an mit ihren Kommentaren schwemmt. Nur leider will die keiner lesen, denn derjenige ist provokant und schießt gezielte Spitzfindigkeiten um sich, vielleicht ist er auch so spaßbefreit, dass ihm jeder noch so ironisch-witzige Kommentar bierernst aufstößt, oder er legt es darauf an, die anderen ständig zu belehren und auf ihre Fehler hinzuweisen, um selbst besonders gut dazustehen. Es gibt zahlreiche Spielarten des Gruppentrolls, deren Beweggründe vermutlich alle aus der gleichen Richtung kommen: Der- oder diejenige ist chronisch gelangweilt und sucht Bestätigung dadurch, andere dumm dastehen zu lassen. Zumeist führt das unweigerlich dazu, dass eine Gruppe nach langem, quälenden Todeskampf stirbt oder gar nicht richtig in Schwung kommt; die Mitglieder schauen nicht mehr rein oder melden sich gleich ganz ab. Einzige Rettung: Der Admin schmeißt den Gruppentroll raus. Die aber sind oft so subtil in ihrer nervtötenden Art, dass sich die Admins lange scheuen, diesen Schritt zu gehen, denn eigentlich will man ja einen höflichen und erwachsenen Ton miteinander pflegen.

Soweit, so verständlich. Aber nichtsdestotrotz ärgerlich und nervenzehrend. Manche verstehen es sicher besser als ich, das ganze als Heimkino zu betrachten und sind in der Lage, sich darüber zu amüsieren, mich macht es vor allem eins: Grundlos aggressiv. Da geht mein Blutdruck schon beim bloßen Anblick des Troll-Profilbilds in die Höhe und als Ergebnis trete ich in der Regel wieder einmal aus einer Gruppe aus und überlasse das blutige Schlachtfeld dem Troll. Denn - und das ist meine grundsätzliche Meinung - ich sehe es nicht ein, Energie darauf zu verschwenden, andere im Internet zu beschwichtigen oder um der Harmonie Willen Dinge hinzunehmen, von denen ich mich angegriffen fühle. Wohlgemerkt: Ich spreche hier nicht von persönlichen Befindlichkeiten, sondern von den Zeitgenossen, bei denen früher oder später ein Kommentar wie "Don't feed the troll" auftaucht.

Foto: OpenClipartVectors @ Pixabay

Seit ich nun aufgrund meines in Bälde erscheinenden Buchs vieles auf Facebook auch öffentlich poste und da schon so unpolitisch wie möglich versuche zu bleiben, sind diese Erfahrungen nicht mehr nur auf Gruppen beschränkt, sondern schwappen auch auf meine Facebookseite/-profil über. Hier bin ich sozusagen als "Moderatorin" dafür verantwortlich und gezwungen, mich der Sache zu stellen. Und auch das ist mir zunehmend lästig.

Trotzdem gibt es auch tolle Momente, in denen man sich wohl und angenommen fühlt. Wenn z. B. ein Post sehr gut angekommt und das Feedback der Freunde und Besucher positiv ist. Oder wenn ich mit Kreativität und Spaß an der Sache neue Aktionen erdenke, die dann auch noch bei den Leuten ankommen.

Ich habe auch gute Freunde gefunden, Leute, die mich zum Lachen bringen, die mir offensichtlich zuhören und die mich sogar trösten, wenn es mir nicht gut geht. Menschen, mit denen ich stundenlang chatte, obwohl man sich gar nicht kennt, und mit denen man sich trotzdem vertraut fühlt. Diese Momente genieße ich sehr.

Doch zwischen beiden Seiten der Medaille eine Balance zu finden, ist schwierig. Oft überwiegt leider das Gefühl des Pflichtprogramms, das es zu absolvieren gilt. Das Gefühl eines suchtartigen Sogs, der immer wieder auf die Timeline lockt und zum Lesen von Kommentaren verleitet, von denen man später denkt, hätte ich sie doch gar nicht erst gelesen. Und die Reue, wenn man - manchmal auch voller Emotionen - antwortet und sich später wünscht, es unkommentiert gelassen zu haben, denn dann wäre jetzt nicht wieder eine Diskussion entbrannt, die die Welt nicht braucht.

Natürlich werde ich in der Zeit bis zur Veröffentlichung meines Buchs weiterhin aktiv sein, denn die versprochenen und vorbereiteten Aktionen werden auf jeden Fall durchgeführt. Aber in mir reift zunehmend der Plan, mich danach peu à peu zurückzuziehen und es vielleicht sogar mal mit einer komplett von sozialen Medien unberührten Zeit auszuprobieren. Nach vielen Jahren der Gewöhnung wird das sicher nicht einfach und die Finger werden öfter über der Maus zucken, doch schnell nur die neuesten Meldungen zu lesen. Doch ich habe mir fest vorgenommen, dies zu testen und dann zu sehen, ob es mir nicht im Endeffekt besser geht, wenn ich Enthaltsamkeit übe.

Denn manchmal vermisse ich sie, die alten Zeiten, als man Kontakt zur Außenwelt nur dann hatte, wenn man einen Brief schrieb. Oder von mir aus auch ganz modern eine E-Mail. Aber im heimischen Wohnzimmer war man allein und konnte man selbst sein. Ein Gefühl, von dem ich manchmal glaube, dass es teilweise verloren gegangen ist.

Wie geht's euch bei diesem Thema? Kennt Ihr das oder lassen Euch die Endlos-Verbal-Attacken tatsächlich so kalt, wie wir es immer allen glaubhaft nach außen aussehen lassen wollen?

Foto: geralt @ Pixabay



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